Nichtstudierte und akademisierte Therapeuten im Schulterschluß

Nachdem nun im September 2009 die Modellklausel vom Gesetzgeber verabschiedet worden war, die ein grundständiges = primärqualifizierendes Studium in der Physiotherapie beinhaltet, haben wir, die AG Akademisierung und Wissenschaft und das Präsidium des VPT, uns Gedanken gemacht, wie dieses aussehen soll und welche Inhalte dieses Studium unbedingt haben muß.

Alle Ergebnisse haben wir in einem Brief zusammengetragen, welcher an das BMG und an die zuständigen Länderbehörden gesendet worden ist. In unsere Evaluation schlossen wir neben unseren eigenen Recherchen auch die Ergebnisse und Empfehlungen aus einem Gespräch mit Frans van den Berg ein. Er ist ein international arbeitender Physiotherapeut und Buchautor (Angewandte Physiologie), der sich historisch wie auch aktuell sehr gut im europäischem Bereich der Physiotherapie auskennt. Ausgangspunkt für unsere Überlegungen war der entscheidende Satz in der Modellklausel, daß der Umfang der praktischen Ausbildung, der derzeit an den Berufsfachschulen besteht, nicht unterschritten werden darf. Hier zeigt sich das Verständnis der Politiker für unseren Beruf, daß wir, die deutschen Physiotherapeuten, in Europa wohl die am besten im Praktischen Ausgebildeten in Europa sind. Dieses Markenzeichen muß unbedingt bestehen bleiben.

Wozu nun aber noch ein Studium?
Die heutigen Anforderungen des Gesundheitswesens verlangen mehr als nur ein Erlernen und Aneinanderreihen von Methodenkompetenzen. Um die nötige Effektivität am Patienten und Effizienz gegenüber den Kostenträgern nachzuweisen, benötigen wir immer mehr Kompetenzen in den intra- und interdisziplinären Bereichen. Vor allem unser Leitungs- und Lehrpersonal sollte damit ausgestattet sein. Um dies mit den Worten Prof. Dr. Alscher (Robert-Bosch Krankenhaus Stuttgart) zu sagen: "Interdisziplinäres Arbeiten heißt nicht, daß sich der Physiotherapeut und der Ergotherapeut die Klinke in die Hand geben." Dies gilt nicht nur für den immer komplizierter werdenden Ablauf in den Kliniken, sondern auch in der ambulanten Versorgung.

Welche Kompetenzen fehlen nun aber? Was soll ein Studium mehr vermitteln als eine Ausbildung an der Berufsfachschule?
Die Ergebnisse unserer Gespräche und Diskussionen in der AG und mit dem Präsidium nach den zu ergänzenden Kompetenzen waren folgende:

Clinical reasoning und Wissenschaftliches Arbeiten.
Ziel sollte hier u. a. eine Anhebung der gegenwärtigen Reflexionskompetenz sein. Praktisch arbeitende Therapeuten lernen damit, sich und ihr Wirken kritisch zu hinterfragen und somit eigenständig, selbstverantwortlich und selbständig zu handeln. Des weiteren sollte man durch geeignete Techniken und Tools recherchieren lernen, um über den gegenwärtigen Kenntnisstand zu be­stimmten Erkrankungen und Therapieoptionen zu informieren und seine praktische Arbeit hiervon profitieren zu lassen.

Managementlehre - BWL
Unternehmerisches und betriebswirtschaftliches Denken und Handeln: Vorbereitung auf evtl. selbstständige Tätigkeiten bzw. leitende Positionen. Aktuell ist festzustellen, daß Praxisinhaber sich überwiegend als Therapeuten sehen, aber gleichzeitig fehlen unternehmerische und marketingorientierte Aspekte für einen zunehmend freier werdenden Markt.

Als Untergruppen der allgemeinen Managementlehre sind hier folgende Themen für den physiotherapeutischen Alltag von besonderer Relevanz:

  • Zeit- und Selbstmanagement
  • Personalführung/Personalmanagement
  • Grundlagen der Unternehmensführung
  • Controlling und Rechnungswesen;
  • Marketing
  • Gesundheitsökonomie

Rechtliche Grundlagen:
Berufsrecht, Haf­tungs­recht, Ertrags- und Umsatzsteuerrecht, Gesellschaftsrecht, (Praxisgemeinschaft, Gemeinschaftspraxis, GmbH etc). Rechtskörperschaften, Kooperationen (z.B. Integrierte Versorgungen, Medizinische Versorgungszentren); Präventionsgesetz; Sozialgesetzgebungen, die physiotherapeutisches Handeln mitbestimmen

Kommunikation:
Kommunikation ist nicht nur allgemeine Grundlage jeder Zwischen­menschlichkeit, sondern ein überaus wichtiges und auch therapieentscheidendes Instrument in der Physiotherapie.

  • mit den Patienten - wie führe ich das Patientengespräch effektiv. Vom Erstgespräch hängt ab, inwiefern der Patient ein Verständnis für seine Erkrankung, die Therapie und sein eigenes Mitwirken am Therapieprozeß entwickeln kann. Hier geht es um Kommunikationstechniken, mit denen Gespräche in die richtige Richtung gelenkt werden können, um die erforderlichen Informationen zu erhalten. Dazu gehört auch das Bewußtsein für die eigene nonverbale Kommunikation und Aus­drucks­weise (Gestik, Mimik etc), interkulturelle Aspekte und die Interpretation des Gesprächsverhaltens des Gegenübers.

  • mit dem Arzt - wie präsentiere ich mich, wie kann ich zu einer fachlichen und sachlichen Gesprächsebene mit dem Arzt finden (argumentativ, informativ).

  • mit Mitarbeitern - Mitarbeitergespräche, Einstellungsgespräche, Kritikgespräche und andere gehören zum festen Bestandteil in einem Team. Nur bei guten kommunikativen Fähigkeiten wird eine Person der Führungsrolle als Teamleiter, Vorgesetzter, Praxisinhaber, Abteilungsleiter etc. gerecht werden können.

  • Grundlagen des Qualitätsmanagements: Ob in der eigenen Praxis, in einem Therapiezentrum oder im Krankenhaus - Quali­tätsmanagement findet in zunehmendem Maße an allen Institutionen mit dem Ziel statt, durch einen kontinuierlichen Verbesserungsprozeß wirtschaftlicher zu arbei­ten, bessere Koordination an den Schnittstellen mit anderen Beteiligten zu be­kommen, um gesetzliche Vorgaben zu er­füllen und anspruchsvoller werdende Patienten zufrieden zu stellen.

  • Projektmanagement/Projektplanung: Der Therapeut sollte in der Lage sein, eigene Projekte (Praxiseröffnung, Infotag, Veranstaltungen innerhalb der Praxis/Kranken­haus etc.) zu planen und durchzuführen.

Gesundheitswissenschaften/Public Health
Dieser Themenkomplex beinhaltet

  • Soziologie, Sozialpsychologie
  • Prävention
  • Salutogenese
  • Gesundheitsförderung in Betrieben, Gemeinden

Des weiteren sollte die Möglichkeit eingeräumt werden, Themen flexibel an die gegenwärtige Situation anzupassen, um neuen Themen Raum zu geben, ohne jedes Mal eine Änderung bestehender Regeln durchführen zu müssen (Bsp. aktuell: Neurowissenschaften, Schmerz und Onkologie als wichtige gegenwärtige Themen)

Nach Betrachtung dieser zusätzlichen Inhalte ergab sich für uns, daß ein primärqualifizierendes Studium nicht unter 8 Semestern durchgeführt werden darf. Diese Empfehlungen gaben wir mit unseren Briefen an das BMG und die Länderministerien öffentlich bekannt. Zum gleichen Thema fand am 27.11.2009 in Berlin eine Tagung des Hochschulverbundes des Gesundheitsberufe e.V. (HVG) und der AG MTG in Kooperation mit der Hochschulrektorenkonferenz statt. Der VPT ist seit diesem Jahr Mitglied des HVG. Zirka 100 Vertreter der Hochschulen, der Ministerien, der Berufsverbände und der Berufsfachschulen diskutierten gemeinsam mit der Vertretung des GKV- Spitzenverbandes über den Gewinn der Versorgungsqualität durch eine akademische physiotherapeutische Ausbildung. Sehr schnell wurde deutlich, daß der GKV-Spitzenverband die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe in Frage stellt und ihren Mehrwert in der heutigen Zeit nicht erkennen mag. Hier konterte sofort Frau Prof. Friedrichs (FH für Gesundheitsberufe Bochum), daß ein wissenschaftliches Studium nicht nur für die Forschung wichtig ist, sondern für die Arbeit am Patienten! Die primärqualifizierten Studiengänge sollen Physiotherapeuten hervorbringen, die die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse praktisch am Patienten umsetzen und die Pfade der modernen interdisziplinären Arbeit mit definieren. Frau Prof. Höppner (FH Kiel) unterstrich dies und warnte einerseits von der Absplitterung der studierten und der nichtstudierten Physiotherapeuten und hält andererseits den Ärzten und Kostenträgern vor, daß sie keine Ahnung davon haben, was in der Praxis einer physiotherapeutischen Anwendung tatsächlich passiert. Sie stellte die Frage: Was erwarten eigentlich Arzt und Kostenträger, was für ca. 16 Euro in 20 Minuten passiert? So zeigte sie kurz und knapp auf, daß die GKV zwar schnell und günstig berufliche Qualität einkaufen mag, aber eigentlich gar nicht weiß, worum es geht. Auch die Ärzte, die sich einer kontroversen Diskussion stellten, wurden hier schnell "entmachtet".

Fazit
Der Akademisierungsprozeß der Physiotherapie ist nicht mehr aufzuhalten. Die Studenten, die aus den primärqualifizierenden Studiengängen hervorgehen, sollen ausgebildet sein für die Arbeit am Patienten mit all ihren modernen intra- und interdisziplinären Anforderungen. Wir, der VPT, sind sehr froh, daß die Hochschulprofessoren und die Hochschulrektorenkonferenz unsere Meinung zur inhaltlichen und strukturellen Gestaltung der neuen Studiengänge voll unterstützen. Unsere Anfrage an das BMG, wie und in welcher Form wer die Evaluation zu diesem Modellvorhaben vornimmt, bleibt zur Zeit noch unbeantwortet. Wir werden weiter informieren.

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