VPT-Meldung
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Forschung | Woran Therapeuten erkranken

von Natalie Kampitsch, Jacqueline Zaglauer, Jessica Dürsch, Katharina Lukas und Annalena Plattner betreut durch Manfred Bloch

Eine Projektarbeit an der VPT-Berufsfachschule Bad Birnbach ermittelte häufige Erkrankungen von Physiotherapeuten und Masseuren sowie deren Zusammenhang mit Arbeitsbelastung, Geschlecht und eigener Einschätzung des Allgemeinzustands. Das VPTMAGAZIN stellt die Ergebnisse der Befragung auszugsweise vor.

Die häufigsten Erkrankungen von Masseuren und Physiotherapeuten

Geht eine körperlich so strapazierende Tätigkeit wie die des Physiotherapeuten oder Masseurs und medizinischen Bademeisters mit bestimmten Erkrankungen und Beschwerden einher? Dieser Frage ging die vorliegende Arbeit nach. Im Rahmen der Projektarbeit wurden Fragebögen an Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen und Praxen ausgegeben. Zudem wurden Auszubildende der Physiotherapie, angehende Masseure und weiterqualifizierende Physiotherapeuten der VPT-Berufsfachschule in Bad Birnbach zur Teilnahme angehalten. Insgesamt gingen von 245 vergebenen Fragebögen 123 Bögen ausgefüllt zurück und konnten in die Auswertung aufgenommen werden. Die am häufigsten angegebenen Beschwerden sind psychische Belastungen, muskuläre Beschwerden im Lumbalbereich, Probleme mit dem Daumensattelgelenk und Prolaps in der Lendenwirbelsäule.

Psychische Beschwerden

Von den 123 Teilnehmern geben 76 an, unter psychischen Belastungen zu leiden. Somit ist dies die am häufigsten angegebene berufsbedingte Beschwerde. Sie ergibt sich durch Leidklagen der Patienten und das Miterleben von deren Krankheitsgeschichten oder durch die gegebenen Arbeitsbedingungen (u.a. straffe Arbeitszeiten, Personalmangel, Zeitdruck). Auffällig ist, dass 67% der weiblichen Teilnehmer psychische Belastungen angeben. Dagegen stehen 53% der männlichen Teilnehmer. Bei Auszubildenden äußern 47% der weiblichen und 35% der männlichen Teilnehmer psychische Beschwerden. Somit überwiegen offenbar schon vor Arbeitsbeginn die psychischen Belastungen bei Frauen.

Nur 45% der Therapeuten, die sich selbst als athletisch bezeichnen, geben psychische Beschwerden an. Bei Therapeuten, die ihren Allgemeinzustand als normal einschätzen, sind es 65%. Signifikant ist der Unterschied zwischen Physiotherapeuten und Masseuren: 70% der Physiotherapeuten, aber nur 42% der Masseure geben psychische Beschwerden an. Offenbar sind in Rehakliniken Tätige mehr betroffen: 67% leiden unter psychischen Belastungen, in Praxen sind es 56%, in Krankenhäusern 58%. 

Offenbar nehmen die psychischen Beschwerden mit steigender Arbeitsstundenzahl zu: Die unter 10 Stunden pro Woche Tätigen geben keine Beschwerden an, bei 10-20 Stunden sind es 36%. Bei über 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche geben 71% psychische Beschwerden an. Ebenso steigt die Zahl psychischer Beschwerden mit steigender Patientenzahl pro Tag: 40% derjenigen, die weniger als 5 Patienten pro Tag behandeln, stehen zu psychischen Beschwerden. Die Prozentzahl steigt bei mehr als 20 Patienten pro Tag auf 79% an. Genauso geben die Teilnehmer mit Nebenjob über 5 Stunden pro Woche in 83% der Fälle Beschwerden an, bei denjenigen ohne Nebenjob sind es nur 56%.

Muskuläre Beschwerden, Bereich Lendenwirbelsäule

Am zweithäufigsten werden muskuläre Beschwerden im lumbalen Bereich genannt. Auch diese geben auffällig mehr Frauen an: 29% stehen 13% bei männlichen Therapeuten gegenüber. Offenbar haben in Krankenhäusern Tätige mit 38% mehr muskuläre Beschwerden im Lendenwirbelsäulenbereich als andere. Ins Auge sticht der Unterschied zwischen Physiotherapeuten mit 27% Beschwerden im Lumbalbereich und Masseuren mit lediglich 13% dieser Beschwerden.

Auffallend ist außerdem, dass die Zahl der angegebenen muskulären Beschwerden im lumbalen Bereich bei den unter 35-Jährigen zwischen 18-21% liegt. Dagegen steigt sie bei den über 35-Jährigen auf 28-33%. Es fällt zudem auf, dass mit einem höheren Body-Mass-Index eine vermehrte Angabe von muskulären Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule einhergeht. Normalgewichtige Therapeuten haben in 12-19% Beschwerden angegeben. Die Zahlen steigen bei übergewichtigen Therapeuten auf bis zu 50%.

Erkrankungen des Daumensattelgelenks

Probleme mit dem Daumensattelgelenk geben 20% der Teilnehmer an. Auch hier ist eine – jedoch weniger deutliche – geschlechtsspezifische Auffälligkeit erkennbar: 22% der Frauen und 17% der Männer äußern diese Beschwerden. Deutlicher ins Auge sticht, dass 29% der in einer Praxis Tätigen Probleme mit dem Daumensattelgelenk angeben. Therapeuten aus Krankenhäusern äußern sich lediglich in 16% der Fälle zu Beschwerden.

Unverkennbar ist die hohe Zahl an Daumensattelgelenksproblemen bei Therapeuten mit Nebenjob über 5 Stunden pro Woche: Ganze 28% stehen gegenüber 2% der Therapeuten ohne Nebenjob und 9% der Therapeuten mit Nebenjob unter 5 Stunden pro Woche. Auffällig ist zudem, dass bei steigendem Alter die Angabe der Daumensattelgelenksbeschwerden steigt. Bei den unter 25-Jährigen geben 9% Probleme an, die Zahl steigt bei den bis 55-Jährigen auf bis zu 29%.

Teilnehmer über 55 Jahre geben sogar in 50% der Fälle Beschwerden an. Ebenso signifikant ist eine Zunahme der Probleme mit dem Daumensattelgelenk bei erhöhtem Body-Mass-Index: Bei Normalgewichtigen geben 12-19% der Befragten Beschwerden an, die Zahl steigt bei Übergewichtigen auf 28-50%.

Lumbaler Bandscheibenvorfall

Die am vierthäufigsten angegebene Erkrankung ist der lumbale Bandscheibenvorfall. 15% der Teilnehmer geben diesen an. Wieder ist ein Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Teilnehmern erkennbar, der jedoch wie im vorhergehenden Punkt nicht sehr deutlich ist: 17% der Frauen haben schon einen Prolaps in der Lendenwirbelsäule erlitten, bei den Männern sind es 13%. Erkennbar ist hier ein Einfluss des Allgemeinzustandes: 33% der Therapeuten, die sich als untrainiert einschätzen, geben einen lumbalen Bandscheibenvorfall an. Bei denjenigen, die ihren Allgemeinzustand als normal einschätzen, sind es nur 10%, bei den sich als athletisch einschätzenden Therapeuten lediglich 9%. 

Ins Auge sticht die Zahl der Therapeuten mit einem oder mehreren Kindern unter 18 Jahren: 39% dieser Gruppe geben einen lumbalen Prolaps an. Es fällt außerdem auf, dass 38% der Teilnehmer mit einer Pausenzeit von weniger als 15 Minuten täglich, aber nur 11-15% der Therapeuten mit einer höheren Pausenzeit einen Prolaps angeben. Auch das Alter ist relevant: Bei unter 35-Jährigen geben 0-7%, bei den über 35-Jährigen 17-40% Bandscheibenvorfall an. Zudem ist eine zunehmende Angabe von lumbalen Bandscheibenvorfällen bei höherem Body-Mass-Index erkennbar. Normalgewichtige Therapeuten geben in 6-8% der Fälle einen Prolaps an, bei Übergewichtigen steigt die Zahl auf 27-39%. Dies überchneidet sich mit der Auswertung der Auszubildenden: Bis auf einen Teilnehmer geben ausschließlich übergewichtige Teilnehmer einen lumbalen Prolaps an.

Beschwerdefreie Therapeuten

Keinerlei Erkrankungen und Beschwerden geben insgesamt 16 von 123 Befragten an. 19% der männlichen und 9% der weiblichen Teilnehmer sind offenbar beschwerdefrei. Auffällig ist, dass 26% der Masseure aber nur 8% der Physiotherapeuten keinerlei Erkrankungen angeben. Die Hälfte aller Teilnehmer mit weniger als 10 Arbeitsstunden notiert keine Beschwerden, bei mehr Arbeitsstunden schwankt die Zahl nur noch von 9-22%. Auch die Zahl der zu behandelnden Patienten scheint sich auszuwirken.

Die Teilnehmer mit maximal 10 Patienten am Tag geben in 20-38% der Fälle an, beschwerdefrei zu sein. Bei mehr als 10 Patienten täglich sind es nur noch 7-11%. Kein Therapeut mit Nebenjob über 5 Stunden wöchentlich, gibt an, keine Beschwerden zu haben. Bei Therapeuten ohne Nebenjob sind es immerhin 16%. Unter den Auszubildenden fühlen sich mit 30% etwas mehr Männer beschwerdefrei als Frauen, die mit nur 21 Prozent keine Erkrankungen angeben.

Die Autorinnen

Projektarbeit der Ausbildung zu staatlich anerkannten Physiotherapeuten an der VPT-Berufsfachschule für Physiotherapie Bad Birnbach von Natalie Kampitsch, Jacqueline Zaglauer, Jessica Dürsch, Katharina Lukas und Annalena Plattner betreut durch Manfred Bloch.

Literatur

Download

Die Originalarbeit können Sie hier herunterladen: Forschung_02_2018_VPTMAGAZIN

 

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