VPT Meldung
vom 30.01.2012

Einbindung der Heilmittelerbringer in amerikanische Versorgungskonzepte

Martin Hardt, Physiotherapeut, Dipl. Betriebswirt Gesundheitsmanagement, Ltg. Therapiezentrum auromed in Wiesbaden

Der Verfasser vor dem John Hopkins Hospital

Wie sind amerikanische Heilmittelerbringer in weitere Versorgungskonzepte neben der „klassischen” Rezeptabrechnung in den USA eingebunden? Welche weiteren Einsatzgebiete sind möglich und wie werden diese praktisch in den USA umgesetzt? Dies waren Themen einer Hospitationsreise in den USA im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung.

Viele deutsche Versorgungskonzepte haben ihren Ursprung in den USA 

Deutsche Versorgungssysteme sind oftmals in den USA entwickelt worden. So haben wir das DRG-System (Diagnosis-Related-Groups – ein pauschalierendes Abrechnungssystem bei stationären Krankenhausbehandlungen) aus Australien übernommen, entstanden ist es aber in den USA. Neben diesem System haben aber auch die Versorgungskonzepte der integrierten Versorgung (IV) und die Disease Management Programme (DMP) ihren Ursprung in den USA. 
Da die Heilmittelerbringer darin relativ wenig vertreten sind, war es mein Ziel zu sehen, wie diese Programme in den USA umgesetzt werden.

Umsetzung des Hospitationsprojektes

Dazu bin ich in verschiedene Institutionen in Kalifornien, Washington D.C. und Baltimore gereist. Darunter zählten Krankenhäuser, Rehazentren, Klinikketten, Forschungs- und Fortbildungsstätten, Verbände, aber auch kleine Physiotherapiepraxen. 
In kurzen Hospitationen oder in Interviews habe ich mich über die Situation in den USA informiert. Schnell habe ich festgestellt, dass es neben der „klassischen” Rezeptabarbeitung wenig weitere Vergütungsformen gibt. Dies lag aber auch daran, dass die Ge­sundheitssysteme einfach zu unterschiedlich aufgebaut sind.

Therapieeinrichtung
Therapieeinrichtung

Ergebnisse der Hospitation

So sind Heilmittelerbringer teilweise automatisch in DMP’s eingebunden, da sie zu einem großem Krankenkassenunternehmen gehören, welches selbst alle notwendigen Leistungserbringer (Ärzte, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Heilmittelpraxen etc.) angestellt hat und führt.
In San Francisco habe ich eine freige­meinnützige Organisation kennengelernt, die, knapp zusammengefasst, die Krankenkassenbeiträge von älteren Menschen erhält und damit die gesamte medizinische, pflegerische Versorgung dieser Menschen organisiert.
In lokalen Versorgungszentren erhalten diese Menschen aber auch ihr Essen und werden ins soziale Netzwerk mit eingebunden. Die Therapie und u.a. auch die Gesundheitsprävention werden durch diese Organisation organisiert. Wichtige Vorsorgeuntersuchungen, regelmäßige Arztbesuche sowie physiotherapeutische und ergotherapeutische Gruppenprogramme werden durchgeführt.
Neben dieser Organisation habe ich an vielen Orten ein professionell durchgeführtes Wiedereingliederungsprogramm für Arbeitnehmer vorgefunden. Eines der größten habe ich in Baltimore im Union Memorial Hospital kennen gelernt. In diesem Krankenhaus werden hochintensive Programme (4–6 Stunden Therapie pro Tag) für Arbeitnehmer angeboten. Auffällig bei der Arbeit der Therapeuten war hier u.a. eine sehr hohe Realitätsnähe der Therapieform an den jeweiligen Arbeitnehmer, so dass sogar oftmals die alltägliche Arbeitsumgebung im Therapiezentrum nachgestellt wurde. Patienten wurden in ihrer typischen Arbeitsumgebung und mit ihrem typischen Arbeitsgerät behandelt und getestet. So musste ein Bauarbeiter im Rehazentrum Kies schippen oder Gerüste aufbauen. Feuerwehrleute mussten schwere Schläuche aufrollen oder große Wasserräder drehen.

Neben diesen Programmen wurden aber auch einfachere Testverfahren zur Belastbarkeit des Arbeitnehmers durchgeführt, um sicherzustellen, dass diese wieder für ihre tägliche Arbeit einsatzfähig sind. 

Dabei werden u.a. durch Physio- und Ergotherapeuten funktionelle Kraft- und Koordinationstests durchgeführt, die für die jeweilige Berufsgruppen bereits definiert sind oder individuell angepasst werden. 

Über diese Erfahrungen hinaus habe ich viele weitere interessante Organisationsformen, u.a. zur beruflichen Weiterbildung von Physiotherapeuten nach ihrer Ausbildung (Fellowship- & Residency-Programm) oder zur interdisziplinären Versorgung von Mamma-CA-Patienten kennen lernen dürfen.

Fazit

Eine direkte Übertragung der Erkenntnisse ist aufgrund der unterschiedlichen Gesundheits- und Versicherungssysteme nicht so einfach möglich.

Aber einige Versorgungsstrukturen sind vielversprechend und werden bereits im Rahmen von IV und DMP durch Krankenkassen umgesetzt oder Krankenkassen zeigen Interesse ähnliche Organisationsformen mittelfristig umzusetzen.

Eine meiner persönlich wichtigsten Erfahrungen ist, dass trotz einiger Verbesserungsmöglichkeiten eine sehr hochwertige und effiziente Versorgung im Heilmittelbereich in Deutschland besteht.

Es ist wichtig, dies auch nach außen zu kommunizieren –  auch im kleinen Kreis – und sich als Heilmittelerbringer in neue Versorgungskonzepte mit einzubringen und dieses Feld nicht nur Ärzten, Krankenhäusern und der Pharmaindustrie zu überlassen.

Es bleibt zu wünschen, dass dies auch von der Bevölkerung und ebenso von Entscheidungsträgern so gesehen wird und dass wir Heilmittelerbringer trotz hohem Finanz- und Zeitdruck es schaffen, uns intensiv in die Gestaltung neuer Versorgungskonzepte mit einzubringen.

Martin Hardt
Physiotherapeut,
Dipl. Betriebswirt Gesundheitsmanagement, 
Ltg. Therapiezentrum auromed in Wiesbaden,
Schiersteiner Str. 42
65187 Wiesbaden

Quelle: VPT Fachzeitschrift
, Nr. 02 Februar 2012

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