Funktionelle Muskeltherapie nach Tamura
Ischias-Schmerz!?
Schmerzen im Gesäß, die in die Bein Rückseite ausstrahlen – mit diesen Beschwerden kommen viele Patienten zu uns Physiotherapeuten. Wenn dann auch das passive Anheben des gestreckten Beines aus Rückenlage (Lasegue’sche Zeichen) den Schmerz verstärkt, dann wird die Ursache fast immer einem komprimierten Ischiasnerv zugeschrieben.
Aber selbst wenn in der Computertomographie eine Bandscheiben Protrusion oder ein Vorfall zu sehen sind, muss das nicht heißen, dass dort auch die Schmerzursache liegt.
Sehr oft ist es eine Störung im Muskelsystem, hervorgerufen durch erhöhte Bindegewebsspannungen in verschiedenen Muskeln. Ein Muskel, der durch diese erhöhte Spannung in seiner Funktion, sich zu verlängern gestört ist, hat Einfluss auf die Muskelketten, an denen er beteiligt ist. Er kann Schmerzen beim Verlängern dieser Muskelketten hervorrufen. Diese Schmerzen können sich weit entfernt vom verursachenden Muskel befinden.
Legt man diese Sichtweise der Funktionellen Muskeltherapie zu Grunde, so scheint beim typischen „Ischias-Patienten” die Ursache im Bereich einer dorsal verlaufenden Muskelkette zu liegen. Diese Annahme ergibt sich aus der Tatsache, dass der Lasegue Test positiv ist.
Das Anheben des gestreckten Beines führt zu einer Verlängerung der dorsalen Muskelkette, die von den Zehenspitzen (kurze Zehenflexoren) über die Rückseite des Beines (Wadenmuskeln, Ischiokrurale Muskeln), über das Gesäß (Lig. sacrotuberale), den Rücken (M. erector spinae), den Nacken, den Kopf (Aponeurosis epicranialis) bis zur Stirn/Augenbraue (M. occipitofrontalis) verläuft (sehr schön beschrieben in Thomas W. Myers Buch „Anatomy Trains”).
Diese Muskelkette ist nicht nur eine funktionelle Einheit, sondern sie ist über Faszien und Bänder tatsächlich auch materiell verbunden.
Der Therapeut stellt sich nun die Frage, wo innerhalb dieser Muskelkette der Muskel mit der krankhaft erhöhten Bindegewebsspannung liegt. Wie kann er/sie das herausfinden?
In vielen Fällen liegt die Störung an einem Ende der Muskelkette. In unserem Beispiel, also im Bereich der kurzen oder langen Fußflexoren oder der Nacken-Stirn-Muskulatur. Um den ursächlichen Muskel herauszufinden, führen wir folgende Tests durch: Der Patient liegt in flacher Rückenlage und spürt in sich hinein, wie stark der Schmerz momentan ist und wie weit er sich ausbreitet.
- Bitten Sie Ihren Patienten, so weit an das Kopfende zu rutschen, dass der Kopf etwas überhängt. Dadurch werden die Nackenmuskeln angenähert (Abb. 1). Wie ist nun der Schmerz? Hat er sich verändert?
- Aus flacher Rückenlage zieht der Patient erst den einen, dann den anderen Fuß hoch in Dorsalextension, hält ihn eine Weile dort und spürt nach, ob sich der Schmerz verändert. Mit diesem Test werden die Fussflexoren verlängert.
Je nach Reaktion des Patienten, kann man auf den verursachenden Muskel schließen. Wenn der Schmerz beim ersten Test geringer wird, lässt das auf die Stirn- oder Nackenmuskulatur schließen. Wird der Schmerz bei Dorsalextension mehr, kommen eher die kurzen oder langen Fußflexoren in Frage.Um den exakten Behandlungspunkt zu finden, geht der Therapeut nun zur Palpation der in Frage kommenden Muskeln über. Den Zustand der Nackenmuskeln ertastet man am besten in Rückenlage (Abb. 2). Auch das craniale Ende der dorsalen Muskelkette im Bereich der Augenbrauen (M. occipitofrontalis) wird in dieser Lage abgetastet.Die Wadenmuskeln und die kurzen Fußflexoren prüft man in Seitlage (Abb. 3, 4, 5).
Je nach Ergebnis der Tests und der Palpation behandelt der Therapeut die entsprechenden Muskeln. Nachdem der Therapeut die erhöhte Bindegewebsspannung dort aufgelöst hat, indem er die Muskelansätze mit der fmt Drucktechnik behandelt hat, wird sofort deutlich, ob die Behandlungspunkte richtig waren.
Die flache Rückenlage und der Lasegue Test sollten weniger schmerzhaft bzw. schmerzfrei sein. Die Ursache für einen Schmerz im Verlauf des Ischias kann aber auch von anderen Muskeln ausgelöst werden. Das Muskelsystem jedes Patienten unterscheidet sich von dem anderer.
Je nach Vorgeschichte liegen die erhöhten Bindegewebsspannungen in unterschiedlichen Gebieten. Entscheidend ist immer welche Bewegung oder Haltung den Schmerz am stärksten provoziert. Es könnte z.B. sein, dass die Verlängerung der lateralen Muskelkette den Schmerz am deutlichsten macht (Abb. 7). Dann muss die Behandlung natürlich auch dort stattfinden.
Fallbeispiel „Ischias-Schmerz”
Eine Patientin klagt über Schmerzen im Bereich der linken Gesäßmuskulatur. Die Schmerzen hätten vor zwei Wochen schleichend begonnen, sich immer weiter gesteigert mit Ausstrahlungen in die Rückseite des linken Beines. Die Patientin berichtet weiter, dass durch eine „Schmerzspritze” vom Arzt die ausstrahlenden Schmerzen wieder zurück gegangen seien. Aber besonders Bücken und sich wieder Aufrichten verstärke den Schmerz noch.
Die Untersuchung ergibt, dass in flacher Rückenlage die passive achsenreine Flexion des linken Hüftgelenkes (bei gebeugtem Knie) den Schmerz auslöst. Auch die passive Innenrotation bei 90° Flexion im Hüftgelenk provoziert den Schmerz und ist zudem eingeschränkt.
Bei beiden schmerzhaften Bewegungen werden Muskeln im Bereich der dorsalen Muskelketten verlängert. Um zu überprüfen, ob Muskeln im Bereich der Halswirbelsäule beteiligt sind, lasse ich die Patientin auf der Bank so weit hoch rutschen, dass der Kopf etwas überhängt, was zu einer Annäherung der Nackenmuskeln führt. In dieser Ausgangsstellung kann ich den Schmerz mit der Hüftflexion oder Innenrotation nicht mehr auslösen. Daraus schließe ich, dass die Ursache cranial liegen muss.Die Behandlung am Ansatz des M. occipitofrontalis im Bereich der Augenbrauen bringt Erfolg. Die Testbewegungen sind nicht mehr schmerzhaft. Allerdings fällt auf, dass der Schmerz in der linken Gesäßmuskulatur beim schrägen Hochkommen aus Rückenlage noch auftritt. Sowohl beim Hochkommen über die rechte als auch über die linke Seite. Nach Behandlung des Muskel-Faszien-Überganges des M. occipitofrontalis am Hinterkopf sind auch diese Bewegungsabläufe schmerzfrei. Auch das Bücken geht wieder problemlos. In der Vorgeschichte der Patientin gab es übrigens vor 40 Jahren einen Autounfall mit Gehirnerschütterung. Muskeln sind wie Elefanten - sie vergessen nichts!
Anschrift der Verfasserin
Bettina Tamura
fmt-Institut
Fuhrberger Str. 124
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