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Lernen & Wissen | Athletiktraining in der Therapie und Praxis

Dieser Artikel bietet Ihnen einen Auszug aus dem Buch Athletiktraining in der Sportphysiotherapie von David Kadlec und Daniel Groeger

Foto: AdobeStock/Peakstock

Sie arbeiten mit Sportlern und Patienten, die körperlich stark beansprucht sind? Dann gehört es zu Ihren Aufgaben, die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit Ihrer Klienten zu ermitteln und zu verbessern. Dazu gehört ein Training mit einem optimalen Verhältnis von Belastung und Entlastung. Nur so lässt sich die Leistungsfähigkeit langfristig maximieren. Dieser Artikel bietet Ihnen einen Auszug aus dem Buch Athletiktraining in der Sportphysiotherapie von David Kadlec und Daniel Groeger.

Trainingssteuerung

Das Ziel jedes Trainingsprozesses ist die Erhöhung der sportartspezifischen Leistungsfähigkeit, um den sportlichen Wettbewerb möglichst erfolgreich zu gestalten. Dafür ist eine optimale Trainingsvorbereitung nötig, um den Athleten in eine entsprechende physische und psychische Verfassung zu bringen. Trainingsbelastung und individuelle Leistungsfähigkeit stehen jedoch in einem komplexen Zusammenhang mit vielen Faktoren. Um den Trainingsprozess für den einzelnen Athleten zu optimieren, ist es notwendig zu verstehen, dass jede Trainingsbelastung eine physiologische und psychologische Auswirkung hat (engl.: Dose-Response Relationship). Erst wenn das Verhältnis von Trainingsbelastung zu damit einhergehender Ermüdung zu quantifizieren ist, kann das Training entsprechend strukturiert werden, um eine progressive und individuelle Anpassung zu ermöglichen und damit sowohl Über- als auch Unterbelastung zu minimieren.

Weiterhin kann der Athlet nur dann sportlich erfolgreich sein, wenn seine Gesundheit das kontinuierliche Training und die Teilnahme an Wettbewerben zulässt. Nur ein gesunder Athlet vermag durch eine hohe Trainingsqualität eine individuelle Verbesserung der technischen, taktischen oder konditionellen Fähigkeiten zu erreichen. Zudem wurde gezeigt, dass die Anzahl an Verletzungen und Erkrankungen in Mannschaftssportar-ten einen inversen Zusammenhang mit dem sportlichen Erfolg hat (Drew et al. 2017). Verletzungen und Erkrankungen und die damit verbundene Spielerverfügbarkeit während des Trainings und des Wettbewerbs haben demnach einen bedeutenden Einfluss auf den sportlichen Erfolg.

„Verletzungspech“ wird oftmals als einziger Grund genannt, wenn diverse Verletzungen oder Erkrankungen auftreten. In den meisten Fällen ist dies aber eine unzureichende Aussage, da mittlerweile immer genauere Erkenntnisse deutlich zeigen, dass in Phasen mit hoher physischer und psychischer Belastung sowie unzureichender Erholung bzw. mangelndem Schlaf und in-adäquater Belastungssteigerung die Verletzungsanfälligkeit signifikant ansteigt (Mann et al. 2016, Schwellnus et al. 2016, Solinger 2016). Demnach erhöht das Missverhältnis von Belastung und Entlastung deutlich die Verletzungswahrscheinlichkeit.

Um hohen physischen Belastung standzuhalten und somit die Verletzungswahrscheinlichkeit zu minimieren, ist grundsätzlich eine hohe physische Leistungsfähigkeit nötig. So wurde gezeigt, dass Athleten mit höheren Kraft- und Ausdauerwerten eine geringere Verletzungswahrscheinlichkeit im Vergleich zu weniger fitten Athleten aufweisen (Gabbett 2016). Es ist also erstrebenswert, dass der Athlet zunächst eine gewisse Belastungstoleranz aufbaut, um entsprechende Trainingsumfänge erfolgreich zu absolvieren und somit die physische Leistungsfähigkeit zu erhöhen sowie gleichzeitig die Verletzungswahrscheinlichkeit zu minimieren.

Es ist anzunehmen, dass es einen Zusammenhang zwischen Trainingsbelastung (inkl. Unter- wie auch Überlastung), Verletzungswahrscheinlichkeit und Leistungsfähigkeit gibt. Sowohl unzureichendes als auch übermäßiges Training kann die Verletzungsanfälligkeit erhöhen, die Leistungsfähigkeit mindern und somit die Erfolgswahrscheinlichkeit für eine gesamte Mannschaft im Wettbewerb reduzieren. Folglich ist nicht die schiere Anzahl der Trainingseinheiten entscheidend, sondern vielmehr die Trainingsplanung mit einem optimalen Verhältnis von Belastung und Entlastung, um die Leistungsfähigkeit langfristig zu maximieren.

Prinzip der Akkommodation

Das Ziel eines Trainings ist, einen trainingswirksamen Reiz zu liefern, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Um eine positive Trainingsanpassung zu erzielen, ist ein optimales Verhältnis von Belastung und Entlastung notwendig. Nach einem Trainingsreiz ist die physiologische Homöostase entsprechend der Reizintensität gestört. Je höher der Reiz, desto länger dauert die Regeneration, um wieder eine Homöostase zu erreichen. Während dieser Regenerationsphase kommt es zu entsprechenden physiologischen Adaptationen, damit derselbe Reiz in Zukunft die Homöostase weniger intensiv beeinflusst. Man spricht vom Prinzip der Akkommodation. Dieses Modell der Superkompensation setzt im Nachgang eine entsprechende Phase der Entlastung voraus.

Um einen Trainingsprozess optimal zu gestalten, sollte der nachfolgende Trainingsreiz am besten dann gesetzt werden, wenn der Athlet von der vorhergehenden Einheit keine oder nur minimale Ermüdungserscheinungen zeigt. Je nach Sportart spezifischer Saisonphase und Athlet ist allerdings auch eine hohe Ermüdung erwünscht, um größere Anpassungen zu erzielen, die allerdings mit einer längeren Regenerationsphase einhergehen.

Wird während dieser Phase kein nachfolgender Reiz gesetzt, kann der vorige Trainingsreiz verloren gehen, indem die Homöostase wieder auf das Ausgangsniveau zurückkehrt.

Alternativ kann ein zu früh gesetzter Trainingsreiz zusätzliche Ermüdung erzeugen und die nötige Regenerationsphase verlängern. Bei einer langfristig unzureichenden Regeneration können verminderte Leistungsfähigkeit und erhöhte Verletzungswahrscheinlichkeit die Folge sein.

Obwohl das Modell der Superkompensation in der Theorie recht einfach und praktikabel erscheint, gestaltet sich seine Anwendung aufgrund der unzähligen und komplexen psychophysiologischen Anpassungen durch verschiedene Trainingsreize äußerst schwierig. Neben Trainingsdauer und -intensität, genetischer Prädisposition und Trainingserfahrung scheint auch der emotionale/psychische Zustand des einzelnen Athleten eine weitaus bedeutendere Auswirkung auf die Trainingsanpassung und somit auf die langfristige Leistungsfähigkeit zu haben als lange angenommen (Kiely 2017).

Belastung und Beanspruchung

Es ist wichtig zu wissen, dass dieselbe externe Belastung stets eine individuelle Beanspruchung hervorruft. Je nach aktuellem Leistungsniveau, genetischer Prädisposition, Trainingserfahrung, aktuellem psychischem Zustand und vielen weiteren individuellen Faktoren setzt dieselbe Belastung unterschiedliche Trainingsreize (Abb. 4.3, Toigo u. Boutellier 2006). So kann man in einem Mannschaftssportszenario niemals davon ausgehen, dass eine Trainingseinheit einen kollektiven Trainingsreiz setzt. Die individuell erfahrene Beanspruchung ist somit für die nachfolgenden Adaptationen verantwortlich. Weiterhin ist der Grad der mit einer Einheit einhergehenden Ermüdung immer individuell zu sehen. Die Schwierigkeit, v. a. in Mannschaftssportarten, ist demnach, ein Training zu planen, in dem möglichst alle Spieler einen optimalen Trainingsreiz erhalten. Um dem Dilemma bezüglich der optimalen Trainingsdosierung entgegenzuwirken (zu hoher oder zu niedriger Trainingsreiz), ist eine Quantifizierung der Belastung, aber viel wichtiger noch der physiologischen Beanspruchung nötig.

Methoden zur Quantifizierung

Verschiedene objektive und subjektive Methoden stehen zur Verfügung, um die Wirkung von Training zu quantifizieren. Richtig angewendet, können sie die Trainingsplanung unterstützen, um ein optimales Verhältnis von Belastung und Entlastung zu erzeugen.

Objektive Daten

Durch den kontinuierlichen Fortschritt in der Mikrotechnologie (z. B. GPS und Beschleunigungsmesser) kann eine Vielzahl an Daten valide und in Echtzeit erhoben werden. Damit lässt sich die Trainingsbelastung anhand verschiedener objektiver Parameter schnell darstellen und somit können Über- bzw. Unterabtastung minimiert werden. Üblicherweise werden Parameter wie Laufdistanzen, Geschwindigkeiten sowie Beschleunigungen und Entschleunigungen sowie weitere Kombinationen und Ableitungen – z. B. Laufleistungen bei einer bestimmten Geschwindigkeit – aus diesen Werten abgelesen. Zusätzlich wird häufig die Herzfrequenz als weiterer objektiver Parameter verwendet, um die physiologische Belastung zu bestimmen. Für all diese Parameter gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen, die ihren Zusammenhang mit verschiedenen Trainingsvariablen detailliert aufzeigen.

Zudem können weiterhin für jede Sportart sportartspezifische Parameter erhoben werden, um die Belastungen und damit verbundene Verletzungsmechanismen, die typisch für die jeweilige Sportart sind, besser zu quantifizieren. Beispiele: Fußball – Anzahl und Distanz von Sprints; Handball – Anzahl der Würfe; Basketball – Anzahl der Sprünge usw.

Subjektive Daten

Eine alternative Methode, um die Trainingsbeanspruchung zu quantifizieren, ist das subjektive Belastungsempfinden der Athleten. Der Grad der wahrgenommenen Belastung während einer Trainingseinheit bezieht dabei Informationen aus den peripheren und den zentralen Strukturen des biologischen Systems mit ein.

Üblicherweise wird der Athlet aufgefordert, nach einer Einheit einen Wert auf einer vorher definierten Skala anzugeben, damit sich die Intensität der aktuellen Einheit einschätzen lässt. Obwohl es eine Vielzahl an verschiedenen Skalen gibt (Borg u.  Kaijser 2006), wird in der Praxis sehr häufig mit der Borg-Skala gearbeitet. Dabei kann der Athlet einen Wert zwischen 0 und 10 angeben, auch RPE (engl. Rate of Percieved Excertion) genannt. Abgesehen davon, dass die Abfrage des Belastungsempfindens simpel und v. a. kostenlos ist, kann der RPE-Wert als psychophysiologischer Marker gesehen werden. Die subjektive Einschätzung der Trainingsintensität bezieht somit auch den psychologischen/emotionalen Zustand des Athleten mit ein. Faktoren wie Stress, Schlafqualität und allgemeine Zufriedenheit beeinflussen den RPE-Wert. Weiterhin wurde gezeigt, dass der RPE-Wert mit vielen objektiven Belastungsparametern korreliert, z. B. der gesamten Laufleistung in einem Training oder einem Spiel ( Haddad et al. 2017).

Um die genaue Trainingsbelastung zu quantifizieren, wird zusätzlich zur Trainingsintensität das Trainingsvolumen in Minuten gemessen. Das Produkt dieser beiden Werte gibt dann die individuelle Trainingsbelastung einer Einheit an (RPE * Minuten = sRPE [engl. session-RPE]). Um einen aussagekräftigen sRPE über die komplette Einheit zu erhalten, wird empfohlen, den Athleten mindestens 10 min nach Beendigung der Einheit zu befragen. Damit wird vermieden, dass nur die letzten Inhalte des Trainings bewertet werden und nicht die ganze Einheit. Außerdem ist eine anonyme Angabe des RPE-Werts notwendig, um etwaige Beeinflussungen von anderen Athleten zu vermeiden. Die sRPE-Methode wurde durch viele Untersuchungen validiert und spiegelt somit die individuelle Trainingsbelastung verschiedener Trainingsformen in unterschiedlichen Sportarten wider ( Soligard et al. 2016).

Es scheint, dass aus der subjektiven Belastungseinschätzung mindestens genauso nützliche Informationen über die Trainingsbelastung gezogen werden können wie mit vielen objektiven Parametern (Lovell 2013). Der größte Vorteil der sRPE-Methode ist, dass zur Datenakquise nicht mehr als ein Stift und ein Blatt benötigt werden, um den Trainingsprozess langfristig zu optimieren.

Quelle

Dieser Artikel ist ein kleiner Ausschnitt aus dem 2020 erschienen Buch von David Kadlec und Daniel Groeger, Athletikstadien in der Sportphysiotherapie. Thieme, 280 Seiten, ISBN: 9783132423633