Literaturbesprechung
vom

Streicheleinheiten

Preis: 16,90 Euro
ISBN: 978-3426666616
Verlag: Verlagsgruppe Droemer Knaur, München
Von Tiffany Field. 224 S., kart., einige Abb
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Streicheleinheiten - Gesundheit und Wohlergehen durch die Kraft der Berührung.

Wohl jeder Mensch kennt aus eigenem Erleben die heilende Kraft der Be­rüh­rung. Ob als Kind, wenn die Mutter nach einem „Weltschmerz” einem tröstend durchs Haar strich, oder als Erwachsener, wenn uns ein lieber Mitmensch in den Arm nahm. Im vorliegenden Buch gelingt es T. Field, in einzigartiger Weise einen geradezu spannenden Überblick über die Geschichte der Berüh­rung bis hin zu den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich ihrer beeindruckenden positiven Wirkung auf Körper, Geist und Seele zu vermitteln.

Die Autorin hat weltweit wohl mit Abstand die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen über die Wirkungen der Be­rührung und damit auch der Massage als Therapie durchgeführt und veröffentlicht.

So hat sie beispielsweise wissenschaftlich nachgewiesen, dass Berührungen Grundvoraussetzungen für eine optimale Entwicklung bei Kindern sind und hat dies insbesondere bei Frühgeborenen beobachtet, wenn diese mit unter 1000 Gramm Gewicht auf die Welt kamen. Die Säuglinge, die massiert wurden, nahmen 47 % mehr Gewicht zu als die Kontrollgruppe – ein eindeutiger, signifikanter Unterschied. Andere Forscher, die zur gleichen Zeit an frühgeborenen Tieren, z. B. an Ratten, Massagen durchführten, konnten eine ähnlich positive Entwicklung beobachten.

Zu unserem Glück ist der Körper in der Lage, eigene Schmerzmittel zu erzeugen, Endorphine, Betaendorphine, Dynorphine oder Encephaline und andere schmerzhemmende Neuromodulatoren wie Serotonin. Der Neurotransmitter Serotonin ist auch die Basis für viele Arzneimittel zur Behandlung chronischer Schmerzen bei Migräne und Depressionen. Bestimmte Nahrungsmittel – z. B. Milch und Bananen, die viel Tryptophan enthalten (eine Aminosäure und Vorstufe des Serotonins) – können ebenfalls Schmerzen reduzieren.

Albert Schweizer wunderte sich, dass die afrikanischen Patienten in seinem Urwaldhospital eine extrem hohe Schmerzschwelle hatten und so gut wie nie unter Depressionen litten; möglicherweise lag es daran, dass Bananen zu ihren Hauptnahrungsmitteln gehörten, vermutet T. Field.

Als chronisch bezeichnet man Schmerzen, die länger als 6 Monate andauern. Sie machen depressiv, weil die eingenommenen Medikamente nicht wirken und das Leben der Betroffenen sich drastisch verändert. Menschen, die unter chronischer Migräne oder Fibromyalgie leiden, scheinen einen niedrigen Endorphinspiegel zu haben, der die Ursache für das chronische Schmerzsyndrom sein könnte.

Möglich wäre auch, dass eine damit zusammenhängende Nervenschädigung das körpereigene Depot an schmerzlindernden Opiaten geleert und die Wirksamkeit der körpereigenen Endorphine verringert hat. Umgekehrt gibt es einige wenige Menschen, die völlig unempfindlich sind gegen Schmerzen: Hier könnte ein Problem bei der Übertragung der Schmerzsignale oder eine Überproduktion von Endorphinen vorliegen, meint die Autorin.

Die meisten Erkrankungen, die mit chronischen Schmerzen einhergehen, sprechen häufig nicht gut auf chirurgische, pharmakologische oder andere Formen der schulmedizinischen Behandlung an, so dass die Anwendung von Kontakt- und Drucktherapien (Akupunktur, Akupressur, Massage, usw.) sehr wichtig ist. Sie sind vielleicht deshalb so wirksam, weil sie Stress abbauen, der den Schmerz bekanntlich noch verschlimmert, oder weil sie Endorphine und Serotonin freisetzen, die körpereigenen Schmerzmittel.

Tiffany Field hat auch überzeugend nachgewiesen, dass die Massagetherapie mit ihrem ganzheitlichen Ansatz ein wirksames Mittel ist, um Stress zu reduzieren, damit er nicht zusätzliche Beschwerden wie Schmerzen, Erschöpfung, Kopfweh, Verdauungsprobleme, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Völlegefühl oder andere Stresssymptome erzeugt. Was diese Patienten dann wirklich brauchen, um solche Beschwerden zu lindern, ist jedoch irgendeine Form der Entspannung.

Neben der Massage haben sich verschiedene Entspannungstherapien als wirksam erwiesen, z. B. Visualisierung, Meditation, Musik, progressive Muskelrelaxation und auch Yoga; sie haben alle zur Folge, dass unser Körper zeitweilig in einen niedrigeren Gang herunter schaltet, wenn wir gestresst sind.
Die Massagetherapie kann den beruflichen Stress merklich reduzieren. Statt Kaffeepausen oder Mittagessen mit Martini bieten einige fortschrittliche Unternehmen und Anwaltskanzleien in den USA ihren Mitarbeitern während der Mittagspause Massagen als Teil ihres hauseigenen Wellnessprogrammes an. Sie werden auf dem Bürostuhl oder einem speziellen Massagestuhl durchgeführt, der nach ergonomischen Gesichtspunkten konstruiert ist.

Diese Massage nimmt zwischen 10 und 15 Minuten in Anspruch und ist sehr preisgünstig. Die Mitarbeiter genießen die Massagen und haben in Umfragen immer wieder erwähnt, dass sie „belebend” sind oder „den Energiespiegel” heben.

Eine Studie von T. Field über den beruf­lichen Stress bestätigt diese Eindrücke. Die 20 Teilnehmer der Versuchsgruppe, Mit­arbeiter der medizinischen Fakultät der Universität von Miami, wurden einen Monat lang 2x in der Woche während ihrer Mittagspause eine Viertelstunde lang massiert. Unmittelbar danach erklärten sie einhellig, dass sie sich entspannt und topfit fühlten. Verglichen mit der Kontrollgruppe, die sich einfach nur entspannte, waren sie nach der Massage aufmerksamer: Sie lösten mathematische Gleichungen in der Hälfte der Zeit und machten dabei nur halb so viele Fehler. Außerdem wurden langfristige Veränderungen festgestellt, z. B. ein niedriger Kortisol- und Norepinephrinspiegel und weniger Neigung zu Depressionen.

Die Massage baut auch andere Formen von Stress ab; Stress während der Schwangerschaft und Entbindung wird beispielsweise durch eine „sanfte Partnermassage” gemindert. Wie es scheint, stimuliert die Massage das parasympathische Nervensystem, das den Organismus „bremst” und gleichzeitig die Aufmerksamkeit erhöht. Auch in Notfällen wird also das sympathische und in Lernsituationen das parasympathische Nervensystem aktiviert. Die Veränderungen im Körper während einer Massage tragen dazu bei, den natürlichen Verschleiß von Körperorganen und des Immunsystems zu verringern. Dazu kommt, dass eine Massage und der daraus resultierende Stressabbau das allgemeine Wohlbefinden steigert, „ein Vergnügen, das jeder von uns verdient”.

Das waren nur einige Aspekte aus dem Inhalt dieses imponierenden Buches, an dem nur eines stört, nämlich der Titel „Streicheleinheiten”. Aber dieser Titel wurde wohl aus Gründen des Marketings gewählt. Ansonsten kann ich das Buch bestens empfehlen, insbesondere natürlich Physiotherapeuten und Masseuren, die darin eine Fülle fachlicher Anregungen erhalten. Die letzte Anregung ist folgende: „Massagen haben eine positive Wirkung auf Kinder und Personen, die sie verabreichen”.

Buchbesprechung von Bruno Blum , München
Quelle: Physiotherapie in Theorie und Praxis, Nr. 02 Februar 2015
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