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Interview | Marcell Jansen: Ohne Physios kein Profisport

Oliver Peters, beim VPT zuständig für PR- und Öffentlichkeitsarbeit, traf den ehemaligen Profi-Fußballer Marcell Jansen zu einem kurzen Interview. Die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim Hamburger Sport-Verein und so wurde das Gespräch zu einem Plausch unter Freunden …

Du hast in deiner Profi-Karriere mehrere Stationen durchlaufen. Darunter waren die Bundesligamannschaften Borussia Mönchengladbach, FC Bayern München und der Hamburger SV sowie die Deutsche Nationalmannschaft. Wie schätzt du den Anteil der Sportphysiotherapeuten an deinen sportlichen Erfolgen ein?

Ich schätze den Anteil als sehr, sehr hoch ein. Das ist auch der Grund, warum ich mich meine komplette Laufbahn für die Interessen der Physios eingesetzt habe. Auch gegenüber meinen Mannschaftskollegen. Das Thema Wertschätzung ist hier wichtig. Ich musste denen öfter vermitteln, dass die Jungs und Mädels mindestens das gleiche Pensum leisten wie wir Spieler. Morgens sind sie schon da, wenn wir zum Training kommen und abends gehen sie später als wir. Da hat oft der nötige Respekt gefehlt. 
Aber zurück zu deiner Ausgangsfrage: Viele vergessen, dass die Therapeuten sich in ihrer schwierigen und langen Ausbildung und in ihrer Tätigkeit danach ein großes Wissen aneignen. Ohne gute Physiotherapeuten wäre es im Profisport überhaupt nicht möglich, diese Leistungsfähigkeit und schnelle Regeneration zu gewährleisten. Dieses können sicherlich auch viele Profisportler bestätigen und hier muss man den Physios absolut danken.
Nicht zu vergessen: der Einsatzwille der Therapeuten. Die Physios, die ich hatte, haben sich – neben ihren unzähligen Stunden im Stadion – auch noch immens weitergebildet. Da muss ich sagen, hier brennt jemand absolut für seinen Job. Und davon profitieren wir Sportler.

Verletzungsbedingt sprichst du hier ja leider aus Erfahrung, oder? Kannst du unseren Mitgliedern von einem konkreten Beispiel berichten, bei dem Physios dich wieder auf die Beine gebracht haben?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Das geht von der Diagnose bis hin zur Vorbereitung auf das Mannschaftstraining. Ein konkretes Beispiel war mein Teilanriss des Syndesmosebandes. Dieser kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Kurz vor Saisonende und kurz vor der WM 2010. Gott sei Dank wurde sich gegen ein OP entschieden, aber ohne die tägliche Arbeit mit den Physios beim HSV und auch bei der Nationalmannschaft wäre ich nicht rechtzeitig fit gewesen. Aber auch sonst haben mir die unterschiedlichsten Therapieformen während meiner Karriere regelmäßig geholfen.

Die Trainer wollen natürlich immer, dass ihre Spieler wieder schnell auf dem Platz stehen. Wie hoch ist der Einfluss der Physiotherapeuten auf den Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Trainings in bzw. nach der Reha?

Klar will sich der Trainer immer wieder einmischen und seine Spieler schnell wieder im Training haben. Oft ist dieses aber eher kontraproduktiv. Und hier ist jeder Verein gut beraten, den Therapeuten so zu vertrauen. Diese werden schon die richtige Behandlung und vor allem den richtigen Zeitpunkt des Trainingseinstiegs finden. Folgeverletzungen will schließlich niemand.

Und nach welchen Kriterien beurteilen Physiotherapeuten, ob ein Spieler wieder fit für den Spielbetrieb ist?

Zum einen durch ihre Erfahrung und den engen Austausch mit den Mannschaftsärzten. Abhängig von der Art der Verletzung ist das Feedback des Physios hier unheimlich wichtig. Gerade zu Beginn der Rehaphase besteht eine hohe Kommunikation zwischen den beiden. Was natürlich auch zur schnelleren Genesung führt.

Das heißt, die Therapeuten arbeiten eng mit dem Trainerstab zusammen? Gibt es hier Unterschiede zwischen Bundesligavereinen und der Nationalmannschaft?

Schwer zu sagen. Wir haben in Deutschland sehr sehr gute Physiotherapeuten. Wichtig ist, dass man gewisse Abläufe und Philosophien hat. Wenn man das Nationalteam anschaut, ist es das Geniale, dass sich hier seit Jahrzehnten ein Kernteam gebildet hat. Man denke nur mal an die Physio-Legende Adi Katzenmeier. Er war 45 Jahre für den DFB tätig und wusste genau, was er tat. Hier war man immer in guten Händen. Das ist natürlich ein Vorteil. Für mich war es immer wichtig, Vertrauen zu den Therapeuten zu haben. Sozialkompetenzen sind extrem wertvoll und die Physios waren immer eine gute Anlaufstelle. Dann klappen auch die Abläufe.

Als du 2005 den Sprung in die A-Nationalmannschaft gemacht hast, war Jürgen Klinsmann Bundestrainer. Dieser hat erstmals das Funktionelle Training eingeführt. Wie beurteilst du diese von ihm ausgelöste Entwicklung?

Jürgen Klinsmann ist ein Visionär. Er hat viele Elemente reingebracht, die zu dem Zeitpunkt in Deutschland neu waren. Mit dem Funktionellen Training hat er absolut die richtigen Zeichen und Trends gesetzt. Ich weiß noch, was damals für ein riesen Hype um die Gummibänder gemacht wurde. Im Grunde viel mehr als notwendig. Aber man muss sagen, dass die Teile echt was gebracht haben. Durch die Spannung bekommst du richtig Power auf den Muskeln. Das schaffst du auch nicht lange und danach weißt du, was du getan hast. Es werden Muskeln angesprochen, die du als Sportler brauchst. Gerade die Gesäßmuskulatur für die Sprints, etc. Für uns Sportler war es absolut neu und eine Möglichkeit, noch mehr rauszuholen.

Deine Erfahrungen zeigen, wie wichtig die Physiotherapie für Sportler ist. Leider herrscht in unserer Branche ein erschreckender Fachkräftemangel. Teure Ausbildungskosten sowie die Aussicht auf niedrige Bezahlung schrecken viele Berufseinsteiger ab. Wie beurteilst du diese Entwicklung und was muss sich ändern, um den Beruf wieder attraktiv zu machen?

Es ist mir ein komplettes Rätsel. Bei einem so wichtigen Beruf wird die Ausbildung kaum finanziell unterstützt? Das ist abenteuerlich. Die Gesundheit wird uns immer wichtiger und gleichzeitig wird an solchen Stellen gespart. Hier muss sich was ändern. Ich würde mir wünschen, dass große und mittelständische Unternehmen für ihre Mitarbeiter extra Physiostellen schaffen. Schließlich will ja der Chef auch, dass du gesund und munter zur Arbeit kommst. Natürlich sollten sie dann auch für die Aus- und Fortbildungskosten aufkommen. Ich denke hier wäre ordentlich Potenzial. Dass der angehende Therapeut für seine Ausbildung zahlen muss und noch nicht mal Aussicht auf eine angemessene Vergütung hat, sollte dringend hinterfragt werden …

Auch nach deiner fußballerischen Karriere geht das Leben für dich sportlich weiter. Neben einem Fitness-Label unterstützt du unter anderem Sanitätshäuser in Mönchengladbach und Hamburg. Wie kam es hierzu?

Im Grunde ist es ganz einfach. Natürlich muss ich auch nach meinem Abschied vom Profisport meine Brötchen verdienen. Ich habe daher die MJ GmbH gegründet und bin so an einigen Firmen beteiligt. Bei diesen Unternehmen war und ist es mir wichtig, dass sie das verkörpern, was ich erlebt habe, wie ich lebe und was ich mit guten Gefühl tragen kann. Vor 6 Jahren haben wir die RENOVATIO Sanitätshäuser in Hamburg und Mönchengladbach eröffnet. Hier bieten wir Hilfsmittel fernab von hautfarbenen Bandagen und dem Rollator im Schaufenster an, arbeiten aber auch eng mit Therapeuten und Sportmedizinern zusammen. Gründer ist übrigens ein ehemaliger Physiotherapeut. Und zahlreiche Profisportler greifen inzwischen auf unsere Artikel zurück. Zudem haben wir das Hamburger Unternehmen GymJunkie für Sportbekleidung mitgegründet und ich bin noch mit Ben Green im Ernährungssektor tätig. Wie du siehst, alles im Bereich Gesundheit, Sport und Ernährung. Hier wollen wir Anlaufstellen schaffen.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg.

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