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Klassifikationen | Ein diagnostischer Algorithmus für die Therapie

von Fiona Morrison

Fiona Morrison ist Physiotherapeutin (BAppISc) und Manual Therapeutin (MHlthSc) und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift manuelletherapie / Foto: privat

Eine Klassifikation ist eine Zusammensetzung von regelmäßig auftretenden Formen und von Verhalten in der Medizin und Physiotherapie – gleichzusetzen mit Symptomen und Zeichen. Unsere Autorin erklärt anschaulich, welchen Nutzen dies für die therapeutische Praxis bietet.

Bei der Klassifikation ist eine Sub-Klassifikation möglich, manchmal sogar notwendig. Ziel einer Klassifikation ist es, die Kommunikation zu verbessern, mündlich, schriftlich und in der Forschung, um eine akurate und standardisierte Beschreibung der Erkrankung zu erreichen. Zusätzlich beinhaltet dies die Entscheidung, welche diagnostischen Schritte eingeleitet werden sollen und in welcher Reihenfolge [8].

Der Schwerpunkt dieser Zusammenfassung liegt auf der Klassifikation von Kopfschmerzen. Bereits 1988 stellte die International Headache Society (IHS) die erste Klassifikation für Kopfschmerzen vor – die „International Classification of Headache Disorders“ (ICHD). Mittlerweile liegt die 3. überarbeitete Beta-Version seit 2013 vor. Eine ständige Überarbeitung ist notwendig, da die Klassifizierung von Kopfschmerzen ein sich entwickelnder Prozess ist [1,5]. 

Nicht nur die IHS hat einen Katalog zur Klassifizierung von Kopfschmerzen produziert. Auch die International Association for the Study of Pain (IASP) hat 1994 in ihrem Buch „Classification of Chronic Pain“ unter anderem Kopfschmerzen klassifiziert. Ebenso die Cervicogenic Headache International Study Group (CHISG) und zudem hat ein Gesundheitsunternehmen in den USA (The CHP Group) ein „Cervicogenic Headache Clinical Pathway“ in 2011 mit einem Update in 2013 produziert. 

Jede Klassifikation hat ihre Vor- und Nachteile; alle sind ähnlich, dennoch unterschiedlich. Die ICDH-3 (Beta-Version) wird als das offizielle Klassifikationssytem anerkannt, da der ICHD von der World Health Organisation (WHO) anerkannt wurde und als Bestandteil der ICD-10 gilt [4]. Die ICDH-3 (Beta Version) gibt es zurzeit allerdings noch nicht als deutsche Version. Über die Homepage der IHS hat man Zugang zu der deutschen ICDH-2 und findet einen Link zur englischen ICDH-3 Version: www.ihs-klassifikation.de/de

Die ICHD teilt Kopfschmerzen in 3 Kategorien auf:

  • Primäre Kopfschmerzerkrankungen
  • Sekundäre Kopfschmerzerkrankungen
  • Kraniale Neuralgien, zentraler und primärer Gesichtsschmerz und andere Kopfschmerzen

Primäre Kopfschmerzen bestehen, wenn es keinen auslösenden Faktor gibt. Der Kopfschmerz ist die eigentliche Erkrankung [3,6]. Sub-Kategorien des primären Kopfschmerzes sind:

  1. Migräne
  2. Kopfschmerz vom Spannungstyp
  3. Clusterkopfschmerzen und andere trigeminoautonome Kopfschmerzerkrankungen
  4. Andere primäre Kopfschmerzen

Sekundäre Kopfschmerzen lassen sich auf eine definierbare Ursache zurückführen, treten zeitnah mit einer anderen Störung auf, verursacht durch eine andere Pathologie. Der Kopfschmerz ist ein Symptom [3,6]. Die Sub-Kategorien der sekundären Kopfschmerzerkrankungen sind:

  1. Kopfschmerz zurückzuführen auf ein Kopf- und/oder HWS-Trauma
  2. Kopfschmerz zurückzuführen auf Gefäßstörungen im Bereich des Kopfes oder des Halses
  3. Kopfschmerz zurückzuführen auf nicht vaskuläre intrakraniale Störungen
  4. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Substanz oder deren Entzug
  5. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Infektion
  6. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Störung der Homoöstase
  7. Kopf- oder Gesichtsschmerz zurückzuführen auf eine Erkrankung des Schädels sowie von Hals, Augen, Ohren, Nase, Nebenhöhlen, Zähnen, Mund oder anderen Gesichts- oder Schädelstrukturen
  8. Kopfschmerz zurückzuführen auf psychiatrische Störungen

Die dritte Kategorie sind die kranialen Neuralgien, zentraler und primärer Gesichtsschmerz und andere Kopfschmerzen:

  1. Kraniale Neuralgien und zentrale Ursachen von Gesichtsschmerzen
  2. Andere Kopfschmerzen, kraniale Neuralgien, zentrale und primäre Gesichtsschmerzen

Sicherlich wurden die Klassifikationen nicht nur für Physiotherapie entwickelt. Daher sind nicht alle 14 genannten Typen von Kopfschmerzen immer relevant für die Physiotherapie. Dennoch bietet diese klare Klassifizierung einen Leitfaden. Jede der oben genannten Kategorien und Sub-Kategorien wird wieder unterteilt und die dementsprechend notwendigen Kriterien werden erwähnt.

Beispiel Zervikogene Kopfschmerzen

Wie das in der therapeutischen Arbeit aussieht, sei am Beispiel der zervikogenen Kopfschmerzen erläutert:

  • Sekundäre Kopfschmerzen
  • Kopf- oder Gesichtsschmerz zurückzuführen auf eine Erkrankung des Schädels sowie von Hals, Augen, Ohren, Nase, Nebenhöhlen, Zähnen, Mund oder anderen Gesichts- oder Schädelstrukturen (11)
  • Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Erkrankung des Halses (11.2)
  • zervikogener Kopfschmerz (11.2.1), gleichzustellen mit ICD-10 Schlüssel G44.8

Zuletzt werden die diagnostischen Kriterien für diese Kategorie genannt:

  • A: Schmerz, der von seinem zervikalen Ursprung in einen oder mehrere Bereiche des Kopfes und/oder des Gesichtes projiziert wird und die Kriterien C und D erfüllt
  • B: Eine Störung oder Läsion in der Halswirbelsäule oder den Halsweichteilen, die als valide Ursache von Kopfschmerzen bekannt oder allgemein akzeptiert ist, wurde klinisch, laborchemisch und/oder mittels Bildgebung nachgewiesen
  • C: Der Nachweis, dass der Schmerz auf eine zervikogene Störung oder Läsion zurückzuführen ist, beruht auf wenigstens einem der folgenden Kriterien:

    1. Nachweis klinischer Zeichen, die eine zervikale Schmerzquelle nahelegen
    2. Beseitigung des Kopfschmerzes nach diagnostischer Blockade einer zervikalen Struktur bzw. des versorgenden Nervs unter Verwendung einer Placebo- oder anderen adäquaten Kontrolle

  • D: Der Kopfschmerz verschwindet innerhalb von drei Monaten nach erfolgreicher Behandlung der ursächlichen Störung oder LäsionDie IHS gibt an, dass für die in C 1 genannten klinischen Zeichen Reliabilität und Validität nachgewiesen sein müssen, bevor sie für das Kriterium C 1 akzeptiert werden.

Praktischer Nutzen für die Therapie 

Die Klassifikation wirkt auf den ersten Blick sehr theoretisch und unverständlich. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Klassifikation bietet einen diagnostischen Algorithmus [3] für die Therapie – vor allem auch, um Red Flags auszuschließen [6]. Eine korrekte Diagnose ist für die Therapie sehr wichtig, für viele Arten von Kopfschmerz ist es unwahrscheinlich, dass z.?B. Manuelle Therapie effektiv sein wird [2]. Eine Klassifikation sowie ein Algorithmus sind sehr gute Zusätze und Ergänzungen zu einer guten Anamnese, körperlichen Untersuchung und dem Clinical Reasoning.

Die Verwendung einer klaren Klassifikation ermöglicht gute Forschung, die im Sinne evidenzbasierter Therapie in der Praxis umgesetzt werden kann. Natürlich ist keine Klassifikation ohne Kritik [5]. Durch die Überarbeitung vorhergehender Versionen versuchen die Autoren immer wieder, die Klassifikation zu verbessern und neue Informationen einzubinden.

Auch gibt es Argumente dafür, dass das ICDH nicht die beste Klassifikation bietet. Manche Autoren beziehen sich lieber auf die CHISG Klassifikation, da sie genauer sei für z.?B. zervikogenen Kopfschmerz. Bisher gibt es keine klare Aussage, welche Klassifikation besser ist [7]. Doch wird der ICDH von der WHO anerkannt. Und bietet Wissenswertes für die Physiotherapie.

Die Autorin

Fiona Morrison ist Physiotherapeutin (BAppISc), Manual Therapeutin (MHlthSc) und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift manuelletherapie

Literatur

  1. Fredriksen TA, Antonaci F, Sjaastad O. Cervicogenic headache: too important to be left un-diagnosed. J Headache Pain 2015;16:6–3
  2. Hall T, Briffa K, Hopper D. Clinical evaluation of cervicogenic headache: a clinical perspective. The Journal of Manual & Manipulative Therapy 2008;16:73–80
  3. Heinze A, Heinze-Kuhn K, Göbel H. Classification of headache disorders. Der Schmerz 2007;21:263–274IHS HCCOT
  4. IHS. The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (beta version). Cephalalgia 2013;33:629–808
  5. Olesen J. Problem areas in the International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (beta). Cephalalgia 2014;34:1193–1199
  6. Piekartz von H. Zervikogene Kopfschmerzen: Klassifikationen sinnvoll einsetzen. manuelletherapie 2014;18:159–165
  7. Sjaastad O, Fredriksen TA. Cervicogenic headache: criteria, classification and epidemiology. Clin. Exp. Rheumatol. 2000;18:S3–6
  8. Zakrzewska JM. Classification issues related to neuropathic trigeminal pain. J Orofac Pain 2004;18:325–331
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