VPT-Meldung
vom

Sachverständigenrat empfiehlt mehr Gestaltungsspielräume für Physiotherapeuten

Kellermann: Der Rat unterstützt unsere gesundheits-  und berufspolitischen Anliegen

Am 2. Juli 2018 hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR Gesundheit) sein aktuelles Gutachten mit dem Titel "Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung" vorgestellt und darin eine ganze Reihe von Änderungen im Gesundheitssystem vorgeschlagen. Denn, so der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach: „Trotz vielfältiger Reformgesetze gibt es weiterhin – nebeneinander – Über-, Unter- und Fehlversorgung im deutschen Gesundheitssystem.“ Dazu zeigt der Rat ein Bündel von Maßnahmen auf und macht zahlreiche Steuerungsvorschläge insbesondere für das zukünftige Angebot von Kliniken und Praxen und für die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens durch Patienten und ihre Angehörigen. Ein weiterer Schwerpunkt des 784 Seiten umfassenden Gutachtens widmet sich auf insgesamt 57 Textseiten und 10 Seiten Literaturangaben Patienten mit Rückenbeschwerden.

Zu diesem Thema fasst der Rat seine Empfehlungen auf Seite 778 f. zusammen:

„6. Zur bedarfsgerechten Steuerung der Versorgung von Patienten mit Rückenschmerzen empfiehlt der Rat,

a. die Patienteninformation zu den Ursachen und Behandlungsoptionen von Rückenschmerzen zu stärken. Ärzte sollten verpflichtend Patienten darüber aufklären, dass bei unspezifischen Rückenschmerzen vor allem Bewegung und die Vermeidung von Bettruhe und Schonhaltung wichtig sind und eine weitergehende radiologische Diagnostik in der Regel nicht zielführend ist. Die Aufklärung sollte dokumentiert werden. Aufgrund der hohen Prävalenz von Rückenschmerzen sollte eine mediale Aufklärungskampagne zur Stärkung der informierten Entscheidung des Patienten erwogen werden;

b. eine leitliniengerechte Versorgung sicherzustellen. Beispielsweise sollte zu frühe Bildgebung ohne Vorliegen von red flags (Warnsignale wie Lähmungserscheinungen) unterbleiben. Verträge für eine besondere Versorgung nach § 140a SGB V können helfen, der „sprechenden Medizin“ mehr Zeit und eine entsprechende Vergütung einzuräumen. Auch die Möglichkeit einer ambulanten multimodalen Schmerztherapie sollte hierbei verankert werden. Die Versorgung im Rahmen dieser Verträge muss zwingend systematisch evaluiert werden;

c. die Rolle der Physiotherapie im Behandlungsprozess zu stärken. Dazu sind Blankoverordnungen und der Direktzugang zum Physiotherapeuten in Modellvorhaben zu erproben und in methodisch hochwertigen Studien systematisch zu evaluieren. Physiotherapeuten sollten zudem in interdisziplinären Teams, z. B. in Wirbelsäulenzentren, vertreten sein. Zudem sollte das Schulgeld im Rahmen der Physiotherapieausbildung abgeschafft und stattdessen eine Vergütung analog zur Pflegeausbildung eingeführt werden;

d. Wirbelsäulenoperationen in die Zweitmeinungs?Richtlinie des G?BA aufzunehmen. Der indikationsstellende Arzt muss den Patienten über sein Recht, eine unabhängige Zweitmeinung einholen zu können, aufklären und auf die Informationsangebote über geeignete Zweitmeiner hinweisen. Es muss ein zentrales, transparentes Genehmigungsverfahren nach objektivierbaren Kriterien erfolgen, welche Ärzte als Zweitmeiner tätig werden dürfen. Zeitgleich muss eine systematische Evaluation der Zweitmeinungsverfahren durchgeführt werden, um zu überprüfen, inwiefern diese tatsächlich zur Reduktion von nicht indizierten Eingriffen beitragen;

e. eine Meldung und Begründung von Wirbelsäulenoperationen (beispielsweise an das Deutsche Wirbelsäulenregister) verpflichtend einzuführen. Die eingegebenen Daten sollten eine ausreichende Detailtiefe haben, um auch die Indikationsstellung für eine Operation zu überprüfen. Die verpflichtende Eingabe in das Wirbelsäulenregister könnte auch mit der Erstattung verknüpft werden;

f. stationäre Aufnahmen zur Abklärung unspezifischer Rückenschmerzen ohne red flags zu verhindern. Unter Berücksichtigung der empfohlenen Neustrukturierung der Notfallversorgung sollte ein Patient nach der Ersteinschätzung am gemeinsamen Tresen im INZ (Integriertes Notfallzentrum) bei Nichtvorliegen von red flags der ambulanten Versorgung zugeleitet werden.“

Die Empfehlungen des SVR Gesundheit zur Physiotherapie begrüßte der Bundesvorsitzende des VPT Karl-Heinz Kellermann und erklärte: „Die Erwägungen des Sachverständigenrates zu Blankoverordnung und Direktzugang für Physiotherapeuten und zu Schulgeldfreiheit für unseren physiotherapeutischen Nachwuchs begrüßen wir. Die Empfehlungen unterstützen unsere gesundheitspolitischen Anliegen und zielen in eine gute systemische Richtung für ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen in Deutschland.“

Das Gutachten finden Sie hier: SVR-Gesundheit, Langfassung
und eine Kurzfassung SVR-Gesundheit, Kurzfassung

Seiteninhalt: