VPT-Meldung
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Sektion Blinde | Wir sind noch benachteiligt

von Hendrik Albers und Anja Stamm

Der VPT engagiert sich als einziger Berufsverband mit einer eigenen Sektion für blinde und sehbehinderte Therapeuten. Dass dies dringend nötig ist, wird im Interview mit Physiotherapeut Jürgen Becker deutlich: Die Technik ist mittlerweile barrierefrei, aber die Menschen haben noch Vorbehalte.

Der VPT setzt sich als einziger Berufsverband für blinde und sehbehinderte Physiotherapeuten ein. Wie kam es dazu?

Mitte der Achtziger Jahre tobte der Kampf ums neue Berufsgesetz. Der Deutsche Blindenverband vertrat damals eine Meinung, die wir als Fachleute nicht ganz mittragen konnten. Bis heute sitzt im Vorstand dieses Verbands kein Physiotherapeut oder Masseur. Wir mussten uns damals noch sagen lassen, die blinden Therapeuten würden das Weiterkommen in der Physiotherapie verhindern. Ich gehörte zu der Gruppe, die sich das nicht gefallen ließ. Wir sind dann auf den damaligen VPT-Präsidenten Bruno Blum zugegangen, weil es eine große Gruppe unter den blinden Masseuren gab, die nicht die Meinung des Deutschen Blindenverbands teilte. Dann beschloss man, innerhalb des VPT eine Interessengemeinschaft zu gründen. So entstand 1992 die Sektion Blinde und Sehbehinderte im VPT.

Was kann die Sektion Blinde und Sehbehinderte für ihre Mitglieder bewirken?

Heute sitzen blinde Therapeuten ganz selbstverständlich auch in den Landesvorständen und in den Bundesvorstandssitzungen des VPT. Dort wird ja mit entschieden, in welche Richtung es für die Physiotherapie gehen soll. Dort haben wir heute die Möglichkeit, die Situation der blinden und sehbehinderten Physiotherapeuten und Masseuere/medizinischen Bademeister darzustellen. Und das findet auch Gehör. Diese Chance hatten wir vorher nicht. Wir haben so auch einen wesentlich kürzeren Weg zur Politik, da der VPT im Spitzenverhand der Heilmittelverbände (SHV) organisiert ist, der ja das Sprachrohr zur Politik ist. Dadurch haben wir mehr Einflussmöglichkeiten.

Wie viele Blinde und Sehbehinderte sind im VPT organisiert?

Wir haben ungefähr 400 blinde und sehbehinderte Mitglieder, die als Schüler, angestellte oder selbstständige Therapeuten im Beruf tätig sind oder sich in Ausbildung befinden.

Was sind Ihre Aufgaben als Sprecher der Sektion Blinde und Sehbehinderte und mit welchen Anliegen wenden sich die VPT-Mitglieder an Sie?

Wir fördern Fort- und Weiterbildung für blinde und sehbehinderte Therapeuten und bieten diese auch an. Wir haben aber schon immer die Meinung vertreten, dass die Fort- und Weiterbildung inklusiv stattfinden soll, weil wir auch inklusiv arbeiten. Wir sind auch alle inklusiv ausgebildet, haben den Beruf also an Schulen gemeinsam mit nicht sehbehinderten angehenden Therapeuten erlernt. Wir setzen uns zwar dafür ein, dass auf unsere speziellen Belange Rücksicht genommen wird, wollen aber keine separate Ausbildung für Sehbehinderte. Meine Aufgabe ist es zum Beispiel, die Referenten zu sensibilisieren, dass lehrgangsspezifische Unterlagen barrierefrei aufbereitet werden. Als wir mit unserer Arbeit angefangen haben, war Barrierefreiheit noch ein Fremdwort. Es war damals auch ganz schwierig, den Referenten zu vermitteln, dass wir Ton-Aufnahmen machen wollten, um die Inhalte unseren sehbehinderten Mitgliedern zugänglich zu machen. Selbst heute gibt es teilweise noch Vorbehalte, obwohl es viel einfacher geworden ist. Zu meinen Aufgaben zählt natürlich die Beratung von sehbehinderten Therapeuten, die sich selbstständig machen wollen. Das ist eigentlich heute die Hauptaufgabe – zu vermitteln, welche Hilfsmittel es gibt, welche Computertechnik die Arbeit in der Praxis erleichtert, wie man eine Arbeitsplatzassistenz beantragen kann, die von der Deutschen Rentenversicherung finanziert oder teilfinanziert wird. Da sind wir sehr gut aufgestellt und bilden uns ständig fort. So können blinde Therapeuten mit unserer Beratung ohne Stoplersteine in die Selbstständigkeit starten.

Seit wann sind Sie sehbehindert und wie kam es dazu? 

Ich habe mit 5 Jahren eine Allergie auf ein Medikament bekommen und von da an ging es bergab mit meiner Sehleistung. Es war ein sehr krasser Fall, ich habe das gerade so überlebt. Danach stellte man fest, dass ich fast nichts mehr sehe. Heute verfüge ich nur noch über rund 3% Sehkraft.

Wie schwer ist es, mit einer starken Sehbehinderung oder Erblindung als Physiotherapeut zurecht zu kommen?

Eigentlich ist es gar nicht so schwer. Es gibt vieles in meinem Beruf, bei dem ich sogar im Vorteil bin. Denn dort, wo ein sehender Therapeut hinschaut, sieht er nur die Oberfläche. Ein blinder oder sehbehinderter Therapeut fasst den Patienten eher an und bekommt damit viel mehr Informationen. Ich habe das in der Ausbildung ganz oft erlebt. Es gibt sicher Bereiche, die kritisch sind. Aber die gibt es in der sehenden Welt auch. Somit gibt es meines Erachtens kaum Probleme bei der Berufsausübung. Das einzige ist eventuell die Mobilität am Arbeitsplatz: In einer großen Klinik, wo es tagtägliche Veränderungen gibt, ist das sicher schwerer als in einer Praxis, in der man sich seinen Bereich so einrichten kann, wie man am besten zurecht kommt.

Würden Sie sogar sagen, dass bei Blinden die Sinne ausgeprägter sind?

Durch unser tägliches Training haben wir sicher einen ausgeprägteren Tastsinn. Dadurch erfassen wir Dinge schneller, z.B. strukturelle Veränderungen am Patienten, weil wir es einfach mehr gewohnt sind und dadurch auch feinste Veränderungen eher bemerken. Wir haben vielleicht auch Vorteile beim Hören – wir erkennen z.B. an der Stimmlage eines Patienten oder an seinem Gang, wie es ihm geht. Das ist für die sehende Welt schwer nachvollziehbar. Aber es funktioniert sehr gut – und Sehende können das auch lernen, wenn sie darauf achten.

Welche technischen Hilfsmittel erleichtern blinden Therapeuten die Ausübung ihres Berufes?

Die Geräte sollten barrierefrei sein, also z.B. mit Blindenschrift oder taktilen Kennzeichnungen die Bedienung ermöglichen. Das gilt für den Computer natürlich genauso. Apples iPhone bringt viel schon mit, was uns die Arbeit erleichtert – es spricht, es vergrößert die Schrift, ich kann damit sogar teilweise mein Praxisverwaltungsprogramm bedienen. Es gibt auch ein Elektrotherapiegerät für den normalen Markt, das Erleichterungen für Blinde schon mitbringt. Früher brauchte man für alles ein Spezialgerät. Heute ist die Technik vielfach schon von Haus aus barrierefrei, das bemerken die meisten Sehenden nur nicht, weil sie es nicht brauchen.

Es hat sich also schon vieles zum Positiven gewandelt. Was sollte sich noch ändern?

Die Meinung in der Gesellschaft und in den Behörden! Es sollte akzeptiert werden, dass wir als Blinde und Sehbehinderte den Beruf des Therapeuten genauso gut ausüben können wie Sehende. Ich wünsche mir, dass uns nicht immer Steine in den Weg gelegt werden. Dass uns nicht Möglichkeiten verwehrt bleiben, selbst wenn wir noch so gute Zeugnisse haben. Dass uns zugetraut wird, dass wir unsere Prüfungen aus eigener Kraft bestehen. Und dass uns nicht unterstellt wird, wir hätten unsere Zertifikate aus sozielen Gründen erhalten. Ich wünsche mir, dass uns alle Chancen offenstehen, die der sehenden Welt auch offenstehen. Wir erleben immer noch tagtäglich Menschen, die glauben, wir könnten diesen Beruf nicht, obwohl wir das gleiche Examen abgelegt haben wie unsere Kollegen. Wir wünschen uns, dass wir genauso vollwertig arbeiten dürfen wie sehende Therapeuten. Und dass dort, wo es nicht geht, die Individualität akzeptiert wird, dass wir vielleicht eine andere technische Hilfe brauchen als die Kollegen nebenan. Das ist immer noch schwer zu vermitteln. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention sollte es ja besser werden, aber es wird leider immer noch nach Schubladen gedacht.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Kraft für Ihre Arbeit – in Ihrer Physiotherapiepraxis und im Verband.

Das Gespräch führten Hendrik Albers und Anja Stamm

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