VPT-Meldung
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Therapie | Innovative Sturzprävention

von Dr. Slavko Rogan

Wie Dual-Task-Training motorische und kognitive Funktionen stärkt

Ältere Menschen haben ein erhöhtes Sturzrisiko: Ihre Sensomotorik nimmt ebenso ab wie kognitive Leistungen und Aufmerksamkeitsspanne. Anspruchsvolle Doppelaufgaben halten fit und trainieren körperliche Leistungsfähigkeit und Gedächtnis. In der Therapie finden heute auch elektronische Tanz-Videospiele ihren Platz.

Dual-Tasking-Training stellt eine sinnvolle Alternative dar, mit der dem immer größer werdenden Anteil älterer Menschen Trainingsmöglichkeiten aufgezeigt werden können. Der Patient kann somit das für sich richtige Training auswählen und anwenden. Zahlreiche Studien belegen die positiven Effekte von Interventionen mit Doppelaufgaben. Neben Auswirkungen auf motorischer Ebene profitieren kognitive Funktionen gleichermaßen. Die Auswahl an Übungen und Aufgaben ist vielseitig und lässt sich gut in den Therapiealltag integrieren.

Hintergrund

Fast jeder dritte Mensch im Alter von über 65 Jahren und mehr als jeder zweite Pflegeheimbewohner stürzt mindestens einmal im Jahr. Ein fortschreitender Alterungsprozess zeichnet sich sowohl durch funktionale als auch durch kognitive Veränderungen aus, was wiederum zu einer Vielzahl von Beeinträchtigungen führen kann. Ein erhöhtes Sturzrisiko ist eine Folge davon [1-4].

Sich auf zwei Aufgaben gleichzeitig zu konzentrieren, stellt für ältere Menschen eine Herausforderung dar:

Oft basiert der Alltag auf Bewegungen, die neben einer motorischen Aufgabe eine zweite motorische oder kognitive Aufgabe beinhalten – zum Beispiel, wenn man eine befahrene Straße überqueren möchte. Während junge, gesunde Menschen solche Doppelaufgaben (engl.: dual-tasks) leicht bewältigen, fällt dies älteren Menschen zunehmend schwerer. Ihre Fortbewegung beim Überqueren der Straße fordert bereits die ganze Konzentration – wenngleich sie auch die Verkehrslage berücksichtigen sollten. Ein Unfall ist dabei schnell passiert.

Die Physiotherapeutin Lillemor Lundin-Olsson widmete sich der Frage, wie hoch die Sturzgefahr bei Betagten ist [11]. Sie wollte herausfinden, wie Senioren beim Gehen auf Störungen reagieren. Deshalb begann sie ein Gespräch mit Patienten, während diese in ihrer Praxis vom Wartezimmer zum Therapieraum gingen. Blieb ein Patient stehen, um zu antworten, schlussfolgerte sie daraus eine erhöhte Sturzgefahr beim Patienten. In den folgenden sechs Monaten fragten die Forscher die Probanden nach deren Gangsicherheit. Es stellte sich heraus, dass diejenigen, die nicht gleichzeitig gehen und sprechen konnten, weitaus häufiger gestürzt waren. Lundin-Olsson zog daraus, dass die Fähigkeit, alltägliche Doppelaufgaben zu bewältigen, mit dem Sturzrisiko eines Menschen zusammenhängt.

Ältere Menschen, denen es schwerfällt, sich beim Gehen zu unterhalten, haben ein erhöhtes Sturzrisiko:

Warum sich Menschen im hohen Alter im Vergleich zu jungen Menschen seltener auf Doppelaufgaben konzentrieren können, ist auf eine Vielzahl an Beeinträchtigungen im Laufe des Alters zurückzuführen.

Neben der Abnahme sensomotorischer und konditioneller Fähigkeiten steigt auch das Risiko, durch eine degenerative Erkrankung wie Osteoporose, Herz- und Kreislauferkrankungen einer erhöhten Gefahr ausgesetzt zu sein [5, 7]. Heute weiß man, dass auch geminderte kognitive Funktionen das Sturzrisiko beeinflussen [15]. Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Planung und Gedächtnis sind nötig, um sicheres Gehen zu gewährleisten [16]. Diese werden als Exekutivfunktionen bezeichnet [17].

In einer kürzlich erschienenen Studie verglichen Forscher bei 156 älteren Probanden ein rein körperliches Training mit einem körperlichen Training, welches mit kognitiven Aufgaben verbunden war (dual-tasks). Entsprechend älterer Studienergebnisse waren auch hier die Effekte bei der Gruppe mit zusätzlichen kognitiven Aufgaben deutlich positiver ausgefallen. Dies unterstützt die Annahme, dass Doppelaufgaben einen großen Nutzen für ältere Menschen haben und unbedingt in den therapeutischen Alltag integriert werden sollten. Auch andere Studien zeigten, dass Interventionen dabei helfen können, eine Aufgabe zu automatisieren, den Fokus auf andere Aufgaben einzustellen und somit die verfügbare Prozesskapazität zu erhöhen.

Aufgaben müssen Leistungsgrenze überschreiten, um effektiv zu sein:

Das Training mit Doppelaufgaben wird jedoch nur nützlich sein, wenn es sich an der Leistungsgrenze von Patienten bewegt und diese leicht überschreitet. Simple Aufgabenwie Kopfrechnen oder Gedichterezitieren ergänzend zu körperlichem Training werden daher nicht genügen, um Fortschritte zu erzielen (Einzelaufgaben = engl.: single-tasks) [31, 32]. Liegt der Fokus also zunächst auf einer Aufgabe und später auf der nächsten, werden damit keine Verbesserungen erzielt. In Studien, bei denen die Probanden ihre Aufmerksamkeit gleichmäßig auf die körperliche sowie auf die kognitive Aufgabe richteten, indem sie im Semitandemstand (um eine Fußlänge und -breite versetzt) mit geschlossenen Augen einstudierte Wörter aufzählten, war das Ergebnis durchaus lobenswerter. Die Probanden mit dem komplexen Training zeigten eine verbesserte funktionelle Fitness der unteren Extremitäten, ein besseres Gleichgewicht und eine höhere Ganggeschwindigkeit im Vergleich zu Gruppen mit rein physischem Training [29].

Computergestützte Interventionen als interessante Alternative:

Auch bei Studien, bei denen computergestützte Interventionen wie elektronische Tanz-Videospiele à la Stepmania zum Einsatz kamen, bestätigte sich der positive Effekt von Doppelaufgaben auf das Gehirn. Dabei war das Computerspiel, welches das kognitive Element der Intervention darstellt, mit einer Bewegungsaufgabe gekoppelt. Letztlich fließt bei Computerspielen viel Spieltrieb mit ins Training ein. Deshalb trainieren die Teilnehmer meist motivierter und regelmäßiger als bei traditionellen Übungen.

Fazit – effiziente Sturzprophylaxe:

In der therapeutischen Praxis ist es also sinnvoll, Bewegungsformen mit koordinativen oder kognitiven Aufgaben zu koppeln. Patienten scheint ein Doppelaufgabentraining aber nur dann zu nutzen, wenn es anspruchsvoll ist. Ist die Aufgabe zu leicht, tritt kein Effekt ein. Ist die Aufgabe zu schwierig, demotiviert sie den Patienten. Therapeuten können derartige Interventionen gut einsetzen, um Patienten zu einer erhöhten Gangsicherheit und einer gesteigerten Aufmerksamkeit zu verhelfen. In Zukunft sollte die Forschung Mechanismen zwischen Mobilität, Sturzrisiko und kognitiver Funktion verstärkt untersuchen, um dem immer größer werdenden Anteil an älteren Menschen Möglichkeiten zu bieten, sicher durch den Alltag zu kommen.

Der Autor

Dr. Slavko Rogan ist Physiotherapeut MSc, Osteopath MSc und Erwachsenenbildner M.A. Er lehrt an der Berner Fachhochschule im Studiengang Physiotherapie und leitet zudem den Bereich Entwicklungsmanagement an der Akademie für integrative Physiotherapie und Trainingslehre (AfiPT). Die Wirkung von Ganzkörpervibration auf posturale Kontrolle und Kognition bei Senioren ist Teil seiner Forschung.

Literatur

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