VPT-Meldung
vom

Triggerpunkte

von Reinhard Bayerlein

Ursachen und aktuelle Überlegungen zu deren Hintergründen

6. Andere Modelle

Wie schon erwähnt sollte zur Therapie der Triggerpunkte nach den auslösenden Ursachen gefahndet werden. Um hier einige Denkanstöße für die Praxis zu geben, möchte ich an dieser Stelle zwei ergänzende mögliche Vorgehensweisen für die Praxis beschreiben.

• Neurolymphatische Reflexpunkte
Über die Therapie mit Chapman-Punkten wurde in dieser Zeitung ja schon berichtet. Betrachtet man die entsprechenden Karten genauer, erkennt man, daß sich viele dieser Punkte mit der Lokalisation von typischen Triggerzonen decken.
Dies ist an sich nichts besonderes, da dies für viele andere Methoden ebenfalls zutrifft, ich denke hier beispielsweise auch an die Akupunktur, über die weiter unten gesprochen wird. 

Interessant ist vielmehr, daß sich die Zonen von Chapmann auf die Behandlung innerer Organe beziehen. Auch die schon erwähnten Massage-Ärzte handelten ja in der Absicht, von inneren Organen ausgehende Störimpulse zu beeinflussen. 

Ich habe im Laufe der Jahre für mich die Beobachtung gemacht, daß sich hinter den meisten orthopädischen Beschwerden (sofern sie nicht durch Traumen entstanden sind) häufig organische Störungen verbergen. Der Bewegungsapparat dient dann zur Kompensierung vegetativer Störimpulsen. Sicher können Überlastungen usw. (siehe Tabelle 1) als Auslöser für Triggerschmerzen dienen, die Hauptursachen sind aber, nach meinem Dafürhalten, häufig hinter akuten, subakuten, chronischen oder durchgemachten Organstörungen zu finden. Die Myogelose stellt dann quasi ein muskuläres "Störfeld" im Gewebe dar. Durch die daraus resultierende Veränderung der Muskelspannung und Muskelzüge, kommt es mit der Zeit zu Irritationen der nervalen Versorgung und damit zu Beeinträchtigungen der Stoffwechselvorgänge im Segment und somit eventuell auch im Gelenk. Hieraus erklären sich dann Fehlbelastungen und eventuelle Ablagerungen im Gelenk beziehungsweise Knorpelschäden.

Diese Vorgänge sind dann in vielen Fällen wieder über die diversen Therapien der Reflexzonen des Bewegungsapparates zu beeinflussen. Wir denken in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Bindegewebsmassage (BGM) und deren Erklärungsmodelle (5). 

• Energetisch-Statische Behandlung (ESB)/ Akupunktur-Massage (APM) nach Radloff
Das System der Akupunktur ist ein weiteres Model, welches sich zur Erklärung der Triggererscheinungen eignet.

Fast alle Punkte befinden sich entlang der klassischen Leitbahnen (Meridiane) und in der Nähe wichtiger Akupunkturpunkte. Aus dem energetischen Modell der Leitbahnen und deren Regeln (Mittag-Mitternacht, Ehemann-Ehefrau, Wandlungsphasen usw.) zueinander, erklärt sich in vielen Fällen die scheinbar widersprüchliche Lage der Triggerpunkte.

• Trigger im Bereich der Wirbelsäule und am Rumpf
Aus der Sicht der ESB/APM sind besonders die Trigger im Bereich der so genannten Zustimmungs- (Bereich der Wirbelsäule) und Alarmpunkte (Bereich des Rumpfes) von Wichtigkeit. Über die Zustimmungs- und Alarmpunkte besteht ein relativ "direkter Draht" zu den inneren Organen (das läßt sich auch über segmentale Bezüge erklären), so daß diese Punkte, bei Beachtung der Energetik, sinnvoll einzusetzen sind. 

• Trigger im Schulter-, Nacken- und Kopfbereich
Störungen in diesem Bereich lassen sich mit einer Beziehung aus dem Regelwerk der chinesischen Medizin (Oppositionsregel) erklären. Störungen und Erkrankungen, die sich im Rumpf abspielen, haben danach ihren energetisch-reflektorischen Niederschlag im Schulter-, Nacken- bis Kopfbereich. Ebenso lassen sich diese Erscheinungsbilder natürlich mit der von der Lehre der segmentalen Innervation beschreiben. Bei dem Bereich handelt es um das Segment C3/C4. 

• Trigger in Armen und Beinen
Häufig sind hier die Innen- und Außenseiten des Ellbogens betroffen. Beschwerden an diesen Stellen, werden ja als Tennis- und Golferellbogen beschrieben. Es ist jedoch auffällig, daß ein Großteil der Betroffenen diese Sportarten nicht ausüben und in der Anamnese kurzeitige Überlastungen zwar beschrieben werden, diese jedoch eigentlich nicht die in einigen Fällen bestehende Therapieresistenz erklären können.

Die Erklärung hierfür ist, nach Ansicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und natürlich auch der ESB/APM, ebenfalls nicht am Ort der Beschwerden zu finden. So wird beispielsweise der äußere Ellbogenbereich vom Lungen - und Dickdarmmeridian versorgt. Die Meridiane verlaufen zwar über den Arm, haben aber gleichzeitig Aufgaben an denen ihnen den Namen gegebenen Organen. Behandler, denen dieser Zusammenhang bekannt ist, wundern sich daher nicht, daß als Nebenerkrankung des Tennisellbogens eine Affektion der Atmungsorgane oder des Darmbereiches zu beobachten ist. Man kann in chronischen Fällen deshalb an eine ursächliche Mitbeteiligung dieser Organe denken. So wirken sich die Dickdarmerkrankungen in erster Linie zwar als LWS Beschwerden aus, jedoch können auch beide Beschwerdeformen sich gegenseitig abwechseln oder gemeinschaftlich auftreten. Ursachen können in diesen Fällen beispielsweise Allergien (Heuschnupfen etc.), Abführmittelmissbrauch, Ernährungsgewohnheiten usw. sein.

Beim Golferellbogen kann man in diesem Zusammenhang an Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und Zwölffingerdarmerkrankungen denken, da dieser Bereich vom Herz- und Dünndarmmeridian versorgt werden.

• Trigger an Beinen

Trigger im Bereich des Gesäßes und der Wadenmuskulatur fallen in den Bereich des Blasenmeridians. Dieser hat wieder einen Bezug zum Urogenitalbereich. Auch hier besteht natürlich ein weiteres Erklärungsmodell über die segmentale Versorgung.
Selbstverständlich sind die Beziehungen nicht immer so "schwarz-weiß" zu übernehmen, jedoch soll das gesagte eine Idee vermitteln, auch einmal solche Möglichkeiten mit in Betracht zu ziehen. Radloff hat in diesem Zusammenhang einige Jahre Forschungsarbeit geleistet

Sind die Ursachen nicht beseitigt oder nicht zu beseitigen, erklärt das auch, weshalb sich viele Trigger nach gewisser Zeit wieder aufbauen (6). 

Travell plädiert dafür, den Schmerz ernst zu nehmen und zwar so ernst, daß er eine sorgfältige körperliche Untersuchung des Patienten seitens des Arztes rechtfertigt. Finden sich bei der Palpation des Weichteilgewebes dann entsprechende Triggerpunkte und werden diese deaktiviert, verschwinden bestehende viscerale Beschwerden manchmal, oder nehmen wenigstens ab. Diese viscerosomatischen Verbindungen sind also natürlich auch von Travell beschrieben (7).

Sind Trigger überhaupt nicht zu beeinflussen, oder bauen sie sich innerhalb kürzester Zeit immer wieder auf, so ist unbedingt notwendig Ursachenforschung zu betreiben oder den Patient an den Arzt zu verweisen.

7. Kontraindikationen einer manuellen Triggertherapie

Hierbei handelt es sich um Kontraindikationen deren Beachtung sich bei sachgemäßer Durchführung relativieren kann. Die Verantwortung der Durchführung der Therapie liegt im Bereich des Behandler, der im Rahmen seiner Sorgfaltspflichten bei jedem Fall selbst die Entscheidung treffen muß, ob eine Triggerpunkttherapie angezeigt ist!

• Blutverdünnende Medikamente / Blutgerinnungsstörungen
• Lymphödeme
• Frische Verletzungen, Akuterkrankungen
• Osteoporose
• Cortisoneinnahme
• Infektionen
usw.

8. Abschließende Überlegungen

Die Therapie von Triggerpunkten hat innerhalb der Massagetherapie eine lange Tradition. Da man diese Punkte als lang bestehende Maximalpunkte im Myo- und Sklerotom1 bezeichnen könnte, ist es naheliegend, daß man deren Erscheinung auch im Rahmen von segmentreflektorischen Erscheinungen betrachtet und sie nicht nur als isolierte Erscheinungen, die von den restlichen physiologischen Vorgängen abgekoppelt sind, interpretiert. Ich denke in diesem Zusammenhang besonders an so genannte funktionelle Erkrankungen, die sich in der Regel nicht durch Veränderungen der Laborwerte darstellen, aber Erfahrungsgemäß gut auf manuelle Techniken reagieren.

Die erfolgreiche Therapie von Triggerpunkten, unter Beachtung der Ursachen, vermag therapieresistente Beschwerdebilder zum Verschwinden bringen, falls diese darin begründet sind. Wer die Möglichkeit organreflektorischer Zusammenhänge beispielsweise im Sinne von Chapman-, Akupunkturpunkten oder Reflexzonen im Bindegewebe in Betracht zieht, erhält auch nicht zu unterschätzende differentialdiagnostische und unter Umständen sogar therapeutische Hinweise. 

Es ist an der Zeit, Störungen des Bewegungsapparates auch in Verbindung mit den anderen Organsystemen des Körpers zu interpretieren. Eine isolierte Betrachtung dieser Vorgänge wird nach meiner Meinung den Realitäten nicht vollständig gerecht. Die Massagetherapie könnte hierbei aufgrund der Tatsache, daß sie den direkten Kontakt zu den Reflexpunkten ermöglicht, eine der Hauptrollen für eine mögliche Weiterentwicklung spielen.
Sicher ist in diesem Zusammenhang aber noch viel Grundlagenarbeit notwendig, um die empirischen Erfahrungen zu untermauern.

Literatur

1. Sedlacek: Heilmassage/Haug 1963
2. W.Kohlrausch: Reflexzonenmassage in Muskulatur und Bindegewebe/Hippokrates 1959
3. Travell,Simons: Handbuch der Muskel-Triggerpunkte/Fischer 1998
4. B.Blum: Kursskript u. mündl. Mitteilungen
5. Weber,Bayerlein: Neurolymphatische Reflexpunkte n.Chapman/Sonntag 2004
6. Infos über Lehrinstitut Radloff, CH-9405 Wienacht-Bodensee  Radloff/ Grundlagen der ESB/APM Band 1 und 2/ Selbstverlag
7. Seem: Akupunktur und myofasziale Lösung/ ML 1993

Seiteninhalt: