Denkanstöße zur Digitalisierung: Interview mit den Gründern von INTELLI-Athletics
Was kann die Digitalisierung im Gesundheitswesen und speziell in der Physiotherapie leisten? Macht sie den Beruf attraktiver für den Nachwuchs? Kann sie mehr, als Verwaltungsaufgaben zu erleichtern und bei der therapeutischen Behandlung zu unterstützen? Im Gespräch mit Finn und Emil vom jungen Start-up INTELLI-Athletics gehen wir diesen und weiteren Fragen nach. Die beiden haben mit der gleichnamigen Gesundheits-App eine innovative, digitale Therapieassistenz auf den Markt gebracht. Uns hat interessiert: Wie bewertet ihr als junge Player auf diesem Gebiet die Digitalisierung der Physiotherapie- und Gesundheitsbranche? Welche Meinung habt ihr zur TI und den politischen Ambitionen? Welche Rolle spielen die Verbände in dem ganzen Prozess und was dürfen wir eigentlich von der KI erwarten?
Finn Schütt
Gründer und CEO INTELLI Athletics
Emil Resch
Marketing und Vertrieb INTELLI Athletics
"Digitalisierung ist etwas anderes als der Austausch von Faxgeräten gegen Computer"
VPT: Beim Thema „Digitalisierung“ stößt man auf ein oft übersehenes, aber noch immer weit verbreitetes Mißverständnis, das, vereinfacht gesagt, so aussieht: Analoge Inhalte und Abläufe werden auf digitale Medien übertragen. Was früher Stift und Schreibmaschine waren, sind jetzt Maus und Computer. Liegt hier ein Grund, weshalb die digitale Transformation in Deutschland – insbesondere auch im Gesundheitswesen – spät ins Laufen gekommen ist und auch nur schleppend vorankommt?
Finn: Definitiv! Hier haben wir in Deutschland einen dringenden Nachholbedarf. Noch immer fällt es offenbar schwer, sich unter Digitalisierung etwas anderes vorzustellen, als den – kostenintensiven – Austausch von Faxgeräten gegen Computer. Dass sich dadurch auch die Prozesse und Arbeitsweisen von Grund auf ändern, diese Erkenntnis setzt sich viel zu langsam durch.
VPT: Woran liegt das und was muss sich ändern?
Finn: Schwer zu sagen, aber sicherlich spielt es eine Rolle, dass die Digitalisierung zu lange übersehen bzw. als unwesentlich für die Veränderung der Berufswelt abgetan wurde. Entsprechend wenig wurde dafür geworben und daher konnten zumindest die älteren Berufsangehörigen, die in einer analogen Welt angefangen haben, nicht einfach parallel zu den Möglichkeiten mitwachsen. Das ist jetzt gar nicht als Vorwurf gemeint. Es fühlt sich für viele einfach nicht natürlich an, was hier passiert.
„Die Physiotherapie braucht einen Imagewandel, sonst wird sie die Generation Smartphone und Ipad auf jeden Fall verlieren“
VPT: Was bedeutet das für die Physiotherapie? Können wir aufholen oder sind wir bereits abgehängt?
Emil: Nein, es ist noch nicht zu spät. Gerade in den physiotherapeutischen Berufen passiert hinter den Kulissen gerade sehr viel und wir sehen unglaubliche Potentiale. Was die Branche jetzt tun muss: Sie muss sich anpassungsfähig zeigen und sich aktiv auf die neuen Möglichkeiten einlassen. Das mögen immer noch viele als Zumutung empfinden, aber nur so hat die Physiotherapie eine Chance, sich am Arbeitsmarkt zu behaupten. Um bestehende Vorbehalte über Bord werfen zu können, muss vor allem eines verstanden werden: Niemand will den/die Therapeut*in abschaffen.
VPT: Stichwort Arbeitsmarkt. Die Erleichterung von Dokumentation, Arbeitsprozessen und Therapieerfolgen ist das Eine, wenn es darum geht, die physiotherapeutischen Berufe durch digitale Lösungen aufzuwerten. Eine vielleicht zu selten gestellte Frage geht darüber hinaus: Haben Berufe, in denen digitale Medien gar nicht oder nur am Rande eine Rolle spielen nicht grundsätzlich ein Image- und Attraktivitätsproblem? Und was folgt daraus für die Branche? Muss die Physiotherapie ihr Selbstverständnis ändern und wenn ja, was muss sich ändern?
Finn: Da sprecht ihr einen ganz entscheidenden Punkt an, der merkwürdigerweise aber so gut wie kaum wahrgenommen und thematisiert wird. Kurz gesagt: Die Physiotherapie wird große Teile der Generation Smartphone und Ipad, die eine Welt ohne diese Devices gar nicht mehr kennt, nicht mehr anprechen, wenn sie besagten Imagewandel nicht vollzieht. Dafür ist der Wettbeweb zu eng und der Fachkräftemangel überall zu groß. Will die Physiotherapie als Beruf konkurrenzfähig bleiben, muss sie bieten, was sich die Schulabgänger*innen von morgen vor allem wünschen: modernes Arbeiten unter Einsatz digitaler Technologien – und das auch in klassischen hands-on-Berufen. Da reicht es nicht, das Faxgerät durch einen Computer zu ersetzen. Der Imagewandel ist Pflicht!
VPT: Das heißt also, dass die Digitalisierung einzelner Bereiche nicht nur einen sofortigen Effekt auf die Arbeitsabläufe in der Praxis hat, sondern langfristig das Überleben der gesamten Branche sichern kann?
Emil: Natürlich kommen hier viele Faktoren zusammen, aber im Prinzip ist das richtig. Dabei muss allen Beteiligten klar sein, dass niemand ein Interesse daran hat, den Patientenkontakt zu minimieren, indem die Therapeut*innen ihre Zeit nur noch hinter dem Bildschirm verbringen. Diese Sorge ist typisch für die ältere Generation. Von den heutigen Schüler*innen wird sie dagegen so gut wie gar nicht geteilt. Im Gegenteil: Die Jüngeren erwarten eher, dass mehr Zeit für die Patient*innen zur Verfügung steht und sich vielfältige Möglichkeiten der digitalen Therapieunterstützung ergeben.
„Für Praxisinhaber*innen fühlt sich die TI oft nach Zwangsdigitalisierung an“
VPT: Langsam aber sicher hält die Telematikinfrastruktur (TI) Einzug in die Praxen. Nach einer Imageaufwertung, so wie ihr sie beschreibt, hört sich das gleichwohl nicht an. Schon der Begriff klingt schwerfällig und nicht nach Innovation am Puls der digitalen Gegenwart. Was leistet die TI wirklich?
Finn: (lacht) Keine Frage, besonders sexy klingt der Begriff nicht. Die Einführung der TI markiert dennoch einen richtigen und wichtigen Schritt auf dem Weg zur Digitalisierung der gesamten Branche, im Grunde des gesamten Gesundheitswesens.
Emil: Eine großflächig umgesetzte und für alle Leistungserbringenden erreichbare digitale Plattform bedeutet für alle einen Gewinn. Sie würde den Austausch von Daten erheblich beschleunigen und – wenn sie denn von allen genutzt wird – damit die Zusammenarbeit im Gesundheitssystem erheblich effizienter machen. Davon profitieren dann widerum die Patient*innen. Soweit die Therorie. Aktuell sieht es aber leider eher so aus, dass die Umsetzung nicht besonders glücklich verläuft und die Politik mit der TI keine Probleme löst, sondern neue schafft.
VPT: Die TI verursacht neue Probleme, anstatt die alten zu lösen? Wie ist das gemeint?
Emil: Na ja, zunächst einmal herrscht innerhalb der Branche ein ziemliches Durcheinander, wenn es um die Einführung der TI geht. Die Therapeut*innen werden nicht ausreichend mitgenommen. Keiner scheint genau zu wissen, wann was kommt und wie damit umzugehen ist. Das verunsichert natürlich und führt dazu, dass sich die TI insbesondere für Praxisinhaber*innen schnell nach Zwangsdigitalisierung anhört. Darunter leidet dann auch die grundsätzliche Bereitschaft, sich für digitale Anwendungen zu öffnen.
Finn: Dabei wächst der Markt für digitale Lösungen im Gesundheitswesen kontinuierlich. Es ist paradox: Obwohl die TI eigentlich eine gute Basis für den digitalen Fortschritt innerhalb der Physiotherapie legen könnte, macht sie selbst gut strukturierten privatwirtschaftlichen Anbietern das Leben derzeit eher schwer, obwohl sich viele Digitallösungen im Praxiseinsatz bereits bewährt haben.
VPT: Du spielst auf euer eigenes Produkt an. Als junges Start-Up mit einer konkreten Vision: Stehen Apps & Co. privater Unternehmen in Konkurrenz zu den staatlich verordneten Digitalangeboten oder besetzen sie die Leerstellen, die politische Versäumnisse hinterlassen haben?
Finn: Wir sehen es eher so, dass hier ein großes Potenzial für eine echte Win-Win-Situation abgerufen werden kann. Während die TI die allgemeine Infrastruktur für den Datenaustausch und das sichere Speichern von Patientendaten bereitstellt, können privatwirtschaftliche Unternehmen wie wir passgenaue Lösungen für fast alle Bedürfnisse der verschiedenen Leistungserbringer*innen entwickeln. Diese Koexistenz funktioniert aber nur, wenn sie auch von der Politik gewollt und unterstützt wird.
VPT: Soll heißen, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens die Politik überfordert?
Finn: So würde ich das nicht sagen. Mit der TI ist ein sehr richtiger und wichtiger erster Schritt getan. Jetzt ist es, denke ich, wichtig, dass private Unternehmen und die Politik Hand in Hand gehen und gemeinsam Schranken abbauen. Gemeinsam können wir die Chancen der Digitalisierung besser kommunizieren und parallel in der Branche unterschiedliche Kompetenzen aufbauen, damit eine umfangreiche und sinnvolle Digitalisierung in der Branche umgesetzt werden kann. Das Projekt muss von allen Seiten mitgetragen werden, dann kann und wird die Digitalisierung die Heilmittelberufe revolutionieren. Neben einer guten Zusammenarbeit zwischen Politik und privaten Anbietern, sehe ich hierbei übrigens auch die Praxen in der Verantwortung mitzuziehen.
„Der VPT kann dazu beitragen, dass digitale Therapiemaßnahmen endlich abgerechnet werden können“
VPT: Als Verband sehen wir uns in der Verantwortung, die gesamte Branche zukunftsfit zu machen und dafür u.a. die Digitalisierung der Berufe weiter voranzutreiben. Unsere Gesprächs- und Verhandlungspartner sitzen aber traditionell fast ausschließlich bei den Kassen und in der Politik. Da stellt sich die Frage, ob nicht vielleicht auch die Verbände über ihren gewohnten Horizont hinausdenken müssen? Könnten Verbände politische Entscheidungen nicht auch über gemeinsame Interessen und Projekte mit Akteur*innen der Digitalwirtschaft mitgestalten?
Emil: Auch die Kassen müssen endlich verstehen, dass die Digitalisierung mit Blick auf die Zukunft der Branche ein, wenn nicht das Top-Thema ist – auch wenn das viele Heilmittelerbringer*innen selbst offenbar noch nicht wirklich wahrhaben wollen. Die Rolle der Verbände mit ihren Kontakten zu allen beteiligten Parteien kann deshalb gar nicht hoch genug geschätzt werden. Auch für private Anbieter digitaler Innovationen, die maßgeblich zur Verbesserung von Behandlungsqualität und Versorgungssicherheit beitragen, ist die politische Arbeit der Verbände deshalb von unschätzbarem Wert.
VPT: Wie genau könnte die Unterstützung, die wir in diesem Zusammenhang als Verband leisten können, denn aussehen? Schließlich vertreten wir in erster Linie die Interessen unserer Mitglieder.
Emil: Ich denke hier unter anderem an eure Reichweite und die damit verbundene Möglichkeit, die Wirksamkeit digitaler Angebote wissenschaftlich zu validieren. So könnten eigene oder vom VPT in Auftrag gegebene Studien beispielsweise dazu beitragen, dass digitale Therapiemaßnahmen endlich abgerechnet werden können. Das würde uns und ganz sicher auch eure Mitglieder freuen.
„Die Physiotherapie bleibt auf absehbare Zeit Menschenwerk“
VPT: Wir können natürlich nicht über die Digitalisierung reden, ohne abschließend das Thema KI zumindest kurz angerissen zu haben.
Finn: (lacht) Von mir aus gern. Allerdings gibt es dazu, meines Erachtens, im Augenblick nicht viel Gehaltvolles zu berichten. Jedenfalls nicht, soweit es die Heilmittelerbringer*innen betrifft.
VPT: Das sieht Tina Dammel, Physiotherapeutin und Unternehmerin, offenbar anders. Im Interview, das wir mit ihr für unser VPT Magazin geführt haben, sagt sie wörtlich: „In Entwicklungen wie Chat GPT und der Digitalisierung von Prozesswelten sehen wir grundsätzlich große Chancen für Effizienz-steigerungen in der Branche. Wir beschäftigen uns heute damit, um später weiter mitspielen zu können.“
Finn: Wenn Frau Dammel damit meint, dass eine marktreife KI in der Verwaltungsarbeit große Erleichterung bringen und viel Geld einsparen kann, dann kann ich dem nur zustimmen. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass sich hier auch für die therapeutischen Berufe Chancen abzeichnen. Bei der Erstellung von Behandlungsplänen, der fehlerfreien Rezeptabrechnung usw. können KI-Anwendungen bestimmt unterstützen. Skeptisch bin ich allerdings, wenn es um vorschnelle Erwartungen an die Übernahme therapeutischer Leistungen geht, denn die wird auch keine noch so ausgefeilte KI ersetzen können.
VPT: Es werden also keine „künstlichen Therapeut*innen“ kommen?
Emil: Was in 100 Jahren möglich ist, kann heute natürlich niemand voraussagen. Aber auf absehbare Zeit bleibt die Physiotherapie Menschenwerk. Es ist doch so: Nach Stand der Dinge tun wir gut daran, die Kompetenzen genau dort belassen, wo sie hingehören. Wenn KIs bei der Behandlung zum Einsatz kommen sollten, dann nur in der lückenlos kontrollierten Zuarbeit. Hier gibt es keinen Spielraum für Fehler. Es dürfen nur „fertige“ Anwendungen in den Praxen ankommen. Auch deshalb übrigens, weil der Arbeitsaufwand sonst eher zu- als abnimmt. Was nützt die schönste KI, wenn die Zeit fehlt, sie zu nutzen?
„Warum hantieren wir im Job trotzdem noch mit Karteikarten und Terminkalender, während wir privat bei jeder Gelegenheit das Handy zücken?"
VPT: Letzte Frage, die uns noch einmal an den Anfang zurückführt: Welchen direkten medizinisch-therapeutischen Mehrwert hat die Digitalisierung eigentlich für die Patient*innen? Was ist mit der digitalen Therapieunterstützung? Sollte die nicht in den Fokus rücken bzw. dürfen wir uns von der Digitalisierung mehr erhoffen als die Optimierung von Arbeitsprozessen in der Datenverwaltung der Praxen?
Finn: Damit sind wir definitiv wieder am Anfang angekommen und damit beim wichtigsten Punkt. Denn die Digitalisierung der Verwaltung bringt ja bereits gewaltige Verbesserungen mit sich, von denen auch die Patient*innen mittelbar profitieren. Insofern fühlt sich die Entwicklung ganz richtig an. Aber, man kann es nicht oft genug sagen, der Prozess verläuft quälend langsam.
VPT: …und daran tragen die Praxen eine Mitschuld?
Finn: Auf jeden Fall bleibt ein Großteil der Branche noch immer hinter den aktuell schon verfügbaren Möglichkeiten zurück. Die ersten Anbieter für digitale Verwaltungstools gibt es länger als das Internet! Heute gibt es diverse professionelle Lösungen, die sich einfach nutzen lassen. Warum hantieren wir im Job trotzdem noch mit Karteikarten und Terminkalender, während wir privat bei jeder Gelegenheit das Handy zücken?
Emil: Hinzu kommt, dass die Patient*innen ja bereits an digitiale Anwendungen aus allen möglichen Lebensbereichen gewöhnt sind. Und die Angebote können nur besser und vielfältiger werden, wenn sie genutzt werden. Hier haben wir noch viel Arbeit vor uns, registrieren aber durchaus, dass das – oft kritische – Interesse an der digitalen Patientenbetreuung zunimmt.
VPT: Emil, Finn, vielen Dank für das ausführliche und ehrliche Gespräch.
Mehr zur Digitalisierung in der Physiotherapie lesen Sie im Blog von INTELLI-Atheltics.