Insbesondere der Physiotherapie kommt dabei eine wesentliche Rolle zu: sie ist in der kurativen Medizin, der Rehabilitation, der Palliation und der Prävention ein unverzichtbarer Bestandteil des Gesundheitswesens. Zudem besitzt sie das Potenzial, ärztliche Leistungen sinnvoll zu ergänzen oder zu entlasten. Umso wichtiger ist es, die Handlungsspielräume für therapeutische Berufe auszuweiten, ihre Eigenständigkeit zu fördern und interprofessionelle Zusammenarbeit stärker zu verankern.
Im Zuge des Bundestagswahlkampfs und der Koalitionsverhandlungen haben wir als Berufsverband zentrale gesundheitspolitische Forderungen formuliert und diese in zahlreichen Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern auf Landes- und Bundesebene eingebracht. Nun gilt es, die im Koalitionsvertrag gesetzten Impulse hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Physiotherapie einzuordnen – sowohl mit Blick auf erreichte Fortschritte als auch auf offene Handlungsfelder.
Reform Berufsgesetz
Ein zentrales Anliegen des VPT ist die Modernisierung der Berufsgesetze. Positiv hervorzuheben ist, dass die lange in der politischen Warteschleife stehende Reform nun nach Aussagen der Koalitionsverhandler innerhalb der ersten 100 Tage der neuen Regierung angestoßen werden soll. Über die Notwendigkeit, das seit 1994 geltende Berufsgesetz zügig zu überarbeiten, herrscht branchen- und parteiübergreifend Einigkeit. Inhaltlich bleibt der Vertrag allerdings vage. Weder eine konkrete Neugestaltung der Ausbildungsstruktur noch die Einführung einer Ausbildungsvergütung oder klare Aussagen zur Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung werden benannt. Damit wird der VPT hier weiter arbeiten müssen. Zudem wird betont, dass eine vollständige Akademisierung nicht angestrebt wird. Dadurch bleiben Potenziale zur internationalen Anschlussfähigkeit und zum Ausbau wissenschaftlicher Grundlagen ungenutzt – ein Aspekt, der für die langfristige Professionalisierung des Berufsbildes zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Direktzugang
Der Koalitionsvertrag enthält wichtige Hinweise auf eine stärkere Einbindung und Aufwertung der Gesundheitsberufe – insbesondere lässt sich daraus auch eine Perspektive für die Einführung des Direktzugangs zur Physiotherapie ableiten. Die Formulierung „Wir ermöglichen den kompetenzorientierten Fachpersonaleinsatz und die eigenständige Heilkundeausübung“ knüpft an die Forderung nach einem Direktzugang aus dem letzten Koalitionsvertrag an. Sie legt nahe, dass hochqualifizierte Gesundheitsfachberufe, wie Physiotherapeutinnen, in Zukunft eigenverantwortlicher handeln dürfen – insbesondere bei der Versorgung muskuloskelettaler Beschwerden, wo sie bereits heute über umfangreiche diagnostische und therapeutische Kompetenzen verfügen. Ein Direktzugang würde nicht nur die Wartezeiten für Patientinnen verkürzen, sondern auch das Gesundheitssystem spürbar entlasten – bei gleichzeitig besseren Behandlungsergebnissen. Wichtig ist, dass der Zugang nicht ausschließlich an eine zukünftige akademische Ausbildung geknüpft wird, sondern allen qualifizierten Berufsangehörigen offensteht. Modellprojekte könnten zügig den konkreten Bedarf ermitteln und so die Grundlage für eine flächendeckende Umsetzung schaffen.
Bürokratieabbau
Ein zentrales Thema im Bereich der Physiotherapie ist nach wie vor der hohe bürokratische Aufwand, der wertvolle Behandlungszeit bindet. Der Koalitionsvertrag greift diesen Punkt direkt auf und stellt eine spürbare Entlastung durch ein Bürokratieentlastungsgesetz, reduzierte Dokumentationspflichten sowie durch die explizite Nennung der Vereinfachung der Verordnung und Abrechnung von Heilmitteln in Aussicht. Das entspricht wichtigen Anliegen der Berufsgruppe und ist ausdrücklich zu begrüßen. Auch die angekündigte Weiterentwicklung der Digitalisierung mit stärkerem Praxisbezug bietet Potenzial zur Entlastung. Unklar bleibt jedoch, wie schnell und konsequent diese Vorhaben umgesetzt werden und ob die angekündigte Vertrauenskultur gegenüber den Heilmittelerbringenden in der Praxis Bestand hat. Weitere konkrete Forderungen, wie etwa die Abschaffung oder Pauschalisierung der Zuzahlung, wurden nicht aufgegriffen. Insgesamt enthält der Koalitionsvertrag aber wichtige Impulse, um die Rahmenbedingungen für Physiotherapeut*innen zu verbessern.
Gemeinsamer Bundesausschuss
Eine zentrale Forderung der Heilmittelberufe war die strukturelle Beteiligung im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) durch einen eigenen Sitz mit Stimmrecht. Diese Forderung findet im Koalitionsvertrag jedoch keine direkte Berücksichtigung.
Vor dem Hintergrund, dass der G-BA maßgeblich über Leistungen und Versorgungsstrukturen im Gesundheitswesen entscheidet, ist dies ein deutliches Versäumnis. Zwar ist die Relevanz interprofessioneller Versorgung und die Rolle der nichtärztlichen Gesundheitsberufe politisch anerkannt, jedoch spiegelt sich dies bislang nicht in einer entsprechenden Mitgestaltungsmöglichkeit im Gremium wider. Ein vollwertiger Sitz oder zumindest ein Antrags- und Mitberatungs- und Entscheidungsrecht, wie es für die Pflege geschaffen wurde, wäre ein wichtiger Schritt, um die fachliche Perspektive der Therapieberufe systematisch in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Die bisherige Situation lässt befürchten, dass relevante Entscheidungen weiterhin ohne ausreichende Einbindung der betroffenen Berufsgruppen getroffen werden.
Prävention
Ein weiteres zentrales Thema im Koalitionsvertrag ist die Prävention, der eine größere Bedeutung im Gesundheitssystem beigemessen werden soll. Die Lebenswelten sollen stärker in den Fokus rücken, Prävention insbesondere für vulnerable Gruppen ausgebaut und die Verhältnisprävention gestärkt werden.
Für die Therapieberufe ist erfreulich, dass der Stellenwert von Prävention politisch betont wird. Allerdings finden therapeutische Berufsgruppen bisher kaum systematische Berücksichtigung in der präventiven Versorgung. Obwohl sie über fundiertes Fachwissen in der Gesundheitsförderung verfügen – etwa in Bereichen wie Bewegungsförderung, Haltungsschulung-sind ihre Kompetenzen in bestehenden Präventionsstrukturen nicht angemessen eingebunden.
Um das im Koalitionsvertrag formulierte Ziel einer stärkeren Präventionsorientierung zu erreichen, sollte das Potenzial der Therapieberufe künftig stärker genutzt werden – etwa durch eine gezielte Einbindung in präventive Programme, ein Mitspracherecht bei der Ausgestaltung entsprechender Maßnahmen sowie eine bessere strukturelle und finanzielle Absicherung präventiver Leistungen durch therapeutische Fachkräfte. Dies wäre nicht nur ein Beitrag zur Versorgungsqualität, sondern auch ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Rolle der Therapieberufe im Gesundheitssystem.
Fazit
Die nächsten Jahre stellen unser Gesundheitssystem vor enorme Herausforderungen. Der Fachkräftemangel, die demografische Entwicklung und die steigende Zahl chronischer Erkrankungen erfordern grundlegende Anpassungen und eine zukunftsfähige Neugestaltung der Gesundheitsversorgung. In dieser Situation kommt der Physiotherapie eine Schlüsselrolle zu: Sie kann neben ihrer aktuellen Rolle nicht nur die ärztliche Versorgung entlasten, sondern auch einen maßgeblichen Beitrag zur Prävention und langfristigen Gesundheitsförderung leisten. Die Gesellschaft steht an einem Wendepunkt, an dem der Wert präventiver und rehabilitativer Therapiemaßnahmen erkannt und stärker in den Fokus gerückt werden muss.
In der kommenden Legislaturperiode liegt es an der neuen Regierung, die notwendigen Schritte zu gehen, um die Gesundheitsberufe nachhaltig zu stärken und die strukturellen Voraussetzungen für eine verbesserte Versorgung zu schaffen. Dies bedeutet neben den oben genannten Themen auch der avisierte Mutterschutz ebenso wie die gerade diskutierten Möglichkeiten zur Altersvorsorge für Selbstständige, genauso wie die zunächst in eine Kommission verlagerte Debatte zur Finanzierung des Gesundheitswesens.
Wir werden im Dialog mit politischen Entscheidungsträgern und der neuen Gesundheitsministerin daran arbeiten, die Belange der Physiotherapie wirkungsvoll einzubringen. Der Koalitionsvertrag bietet erste Ansätze, aber es ist nun wichtig, diese in konkrete, praxisorientierte Maßnahmen umzusetzen. Dabei bleibt es unser Ziel, durch politische Arbeit die Rahmenbedingungen für Physiotherapeut*innen zu verbessern, die Berufsautonomie und die interprofessionelle Zusammenarbeit weiter zu fördern und so einen echten Beitrag für die zukunftsfähige Ausgestaltung des Gesundheitssystems zu leisten.
