Mitgliedernews

"Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten leisten Großes für die Versorgung in unserem Land"

Das sagt Tino Sorge MdB (CDU/CSU) im Rahmen der Serie „VPT fragt – Gesundheitspolitiker*innen antworten“ zu Fragen zur Berufssituation der Physiotherapie im politischen Kontext. Tino Sorge ist Vorstandsmitglied der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages und Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion.

 

Ein Mann im Anzug mit Einstecktuch und Brille blickt freundlich in die Kamera. Im Hintergrund ist der Deutsche Bundestag zu sehen.

Tino Sorge MdB (CDU/CSU)

VPT: Herr Sorge, sie setzen sich für eine Verbesserung der medizinischen Versorgung auf dem Land ein und wollen die Potentiale digitaler Lösungen in der Medizin schneller erschließen. Physiotherapeut*innen übernehmen bundesweit mit rund 45.000 ambulanten Praxen einen Teil der medizinischen Versorgung. Insbesondere auch in ländlichen Regionen. Aktuell stehen die ambulanten Praxen vor einem digitalen Transformationsprozess. Mit der Anbindung an die Telematikinfrastruktur und der Digitalisierung der Praxen entstehen erhebliche Kosten. Während die reine Anbindung an die TI finanziert wird, bleiben die Kosten rund um die Digitalisierung der Praxisabläufe den Praxisinhaber*innen überlassen. Sehen sie Möglichkeiten zur Unterstützung der Praxisinhaber*innen im Sinne der Refinanzierung von Digitalisierungskosten?

Tino Sorge: Digitalisierung ist nur dann sinnvoll, wenn sie einen Nutzen mit sich bringt – sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Alles andere würde das Ziel verfehlen. Momentan sind viele Prozesse rund um die Digitalisierung der Praxen nach wie vor mit großem Aufwand verbunden. Der Unmut darüber ist absolut verständlich.

Eine Refinanzierung von Digitalisierungskosten im Sinne des Umstellungsaufwands wird es aber höchstwahrscheinlich kaum geben. Schließlich erleben wir seit fast drei Jahren, dass der Bundesgesundheitsminister keinerlei Konzepte vorlegt, um unser Gesundheitswesen finanzstabil zu machen. In einer solchen Situation dürfte es ihm kaum gelingen, beim Finanzminister neue Mittel zu beschaffen. Für neue Zuschüsse ist in der Haushaltsblockade der Ampel schlicht kein Geld vorhanden.

Immerhin wird mit der Anbindung an die Telematikinfrastruktur in Zukunft bereits ein beträchtlicher Teil der Sachkosten erstattet. Nicht unterschätzen sollten wir zudem die Einsparungen und Erleichterungen, die die Digitalisierung in vielen Bereichen mit sich bringen wird. Erfolgsgeschichten aus anderen Versorgungsbereichen, beispielsweise rund um das E-Rezept und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, zeigen: Es geht voran, wenn auch in kleinen Schritten. Dass die elektronische Heilmittelverordnung voraussichtlich erst im Jahr 2027 startet, zeigt aber, dass wir in diesem Bereich noch deutlich mehr Tempo bräuchten.

Digitalisierung hat große Potenziale, den Versorgungsalltag zu verbessern. Die überwältigende Mehrheit der Patientinnen und Patienten will eine Versorgung, die auch mit digitalen Mitteln unterstützt wird. Darum darf Digitalisierung nicht nur als Kostenfaktor betrachtet werden. Sie ist vielmehr ein Prozess, der dem Wunsch vieler Patientinnen und Patienten folgt.“

VPT: Die Berufsgruppe der Physiotherapeut*innen hat im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem obersten Beschlussgremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, keine Mitspracherechte. Vertreter der Physiotherapie sind in den Entscheidungsprozessen lediglich in Form von Anhörungen zugelassen. Der VPT-Verband für Physiotherapie fordert seit vielen Jahren einen Sitz im G-BA für die Berufsgruppe. Befürworten sie diese Forderung? Wie ist Ihre Sicht zur fehlenden Mitbestimmung der Physiotherapie an zentralen Entscheidungsprozessen im G-BA?

Tino Sorge: Die Forderung nach mehr Mitsprache auf allen Ebenen ist verständlich. Schließlich sind die 45.000 Praxen eine Säule der medizinischen Versorgung in unserem Land. Regelmäßig werden Forderungen nach einer Reform des G-BA und seiner Zusammensetzung laut, auch um seine Legitimation zu untermauern. Das ist nachvollziehbar, zumal dort viele wegweisende Entscheidungen für unser Gesundheitswesen getroffen werden. Nicht umsonst wird der G-BA auch als „kleiner Gesetzgeber“ bezeichnet.

Wie der G-BA als zentrales gesundheitspolitisches Gremium in Zukunft strukturell aufgestellt sein sollte, ist eine Grundsatzfrage. Sie betrifft auch viele andere Akteure und Berufsgruppen. Wir sollten sie fraktionsübergreifend diskutieren, gemeinsam mit dem G-BA und jenseits der Tagespolitik. Es wird nie möglich sein, dass jede Berufsgruppe mit am Tisch sitzt. Trotzdem muss immer wieder aufs Neue sichergestellt werden, dass die besonders wichtigen Akteure genügend Mitsprache und Einwirkungsrechte haben – insbesondere, wenn über die Erstattungsfähigkeit von Heilmitteln entschieden wird.

VPT: Welche Möglichkeiten sehen sie für die Physiotherapie, Mitspracherechte im G-BA durchzusetzen?

Tino Sorge: Es ist zum Glück nicht so, dass die Physiotherapie bei untergesetzlichen Entscheidungen außenvor gelassen würde. Die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sind über die Stellungnahme- und Anhörungsverfahren bereits heute eingebunden – so wie zahlreiche andere Gesundheitsberufe auch. Auch wer nicht im G-BA sitzt, findet dort Gehör. Die Mitglieder haben nach meiner Ansicht kein Interesse daran, Entscheidungen über zentrale Akteure hinweg zu treffen. Erst recht dann nicht, wenn diese am Ende die Entscheidungen in der täglichen Versorgung umsetzen müssen. Das haben zahlreiche komplizierte Beratungsverfahren der letzten Jahre gezeigt.

Wenn ich physiotherapeutische Praxen besuche, höre ich auch von anderen, ganz praktischen Fragen fernab der Gremienarbeit, mit denen wir uns als Gesundheitspolitik befassen müssen: Junge Berufseinsteiger fragen sich, wie sich ihre Ausbildung in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird, wie sie auch eigenständiger und eigenverantwortlicher als heute arbeiten können. Erfahrenere Physiotherapeuten wollen wissen, wie sie dem wachsenden Behandlungsbedarf angesichts der Demografie begegnen sollen, obwohl vielerorts Nachwuchs fehlt. Und Patienten in ländlichen Regionen sind unsicher, ob die Versorgung auch in Zukunft gewährleistet ist.

VPT: Als Mitglied im Gesundheitsausschuss gestalten sie die Entwicklung des Gesundheitswesens mit. Aktuell wartet die Physiotherapie-Branche auf einen lang angekündigten Entwurf eines Gesetzes zur Reform der Berufe in der Physiotherapie. (Physiotherapieberufereformgesetz – PhyThBRefG) Unterstützen Sie diesen Reformprozess? Welche Möglichkeiten bestehen seitens des Gesundheitsausschusses den Prozess zu beschleunigen?

Tino Sorge: Die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten leisten Großes für die Versorgung in unserem Land. Wir sprechen von einer Viertelmillion Beschäftigten in dieser Branche. Es ist an der Zeit, dass sie von der Politik mit einer echten Reform unterstützt werden. Das ist auch eine Frage der Wertschätzung und Anerkennung. Darum werden wir jeden Reformprozess unterstützen, der der Physiotherapie zugutekommt. Das Problem ist: Die Reform der Ampel kommt einfach nicht, obwohl sie seit gut zwei Jahren angekündigt ist.

Als Union im Bundestag haben wir schon vor einem Jahr einen eigenen Antrag eingebracht. Zuallererst haben wir die Bundesregierung darin aufgefordert, den lang angekündigten Reformentwurf endlich vorzulegen. Nur dann nämlich kann im Parlament und in der Fachwelt über konkrete Reformansätze diskutiert werden.

Ein zentrales Thema ist für uns die Ausbildung, die wir an den künftigen Bedarf anpassen müssen. Wir wollen möglichst viele junge Menschen für eine Arbeit in der Physiotherapie begeistern und ihnen den Einstieg erleichtern. Mit Blick auf dieses Ziel wäre eine Vollakademisierung, wie sie die Ampel zeitweise diskutiert hat, grundfalsch. Das hieße, der physiotherapeutische Beruf könnte nur noch über die hochschulische und nicht mehr auch über die berufsfachschulische Ausbildung erlernt werden. Darum setzen wir uns für eine Teilakademisierung ein – für einen ausgewogenen Ansatz, wie ihn auch der Wissenschaftsrat befürwortet.

Zur Attraktivität des physiotherapeutischen Berufs gehört auch, dass wir eine Abkehr vom veralteten System der Zertifikate brauchen. Es ist nicht mehr vermittelbar, dass junge Menschen nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung nochmals tausende Euro ausgeben müssen, um die Berechtigung zur Abrechnung mit einer Krankenkasse zu erlangen.

Darüber hinaus ist es höchste Zeit für einen bundesweit einheitlichen Rahmen für die Schulgeldfreiheit und die Ausbildungsvergütung. Dazu wird es endlich einen Konsens zwischen Bund und Ländern geben müssen. Anderenfalls werden wir einen Flickenteppich und einen Wettbewerb zwischen verschiedenen Bundesländern erleben, während sich der Nachwuchsmangel weiter verschärft.

Unseren Antrag mit diesen und anderen Forderungen haben wir bereits im Bundestag eingebracht, wo er in den Gesundheitsausschuss überwiesen wurde. Sobald die Ampel ihre lang angekündigte Reform endlich vorlegt, wird er im selben Verfahren beraten. Für mich ist klar: Diese Beratungen müssen im engen Austausch mit den Berufsverbänden und anderen Interessengruppen erfolgen. Nur dann kann die Reform, wenn auch spät, noch ein Erfolg werden.

VPT: Vielen Dank.

Die Fragen stellte Daniela Driefert